Vorwort
Der Der radikale Konstruktivismus ist eine plausible Theorie darüber, wie Menschen Wirklichkeit wahrnehmen, erkennen und verstehen. Er geht davon aus, dass der Mensch keine objektive Welt so erfassen kann, wie sie an sich ist, sondern sich Wirklichkeit im Vollzug seines Wahrnehmens, Denkens und Handelns als viables Konstrukt aufbaut. Neuere Erkenntnisse aus der Neurobiologie stützen viele seiner Grundannahmen und legen nahe, dass Wahrnehmung nicht als bloße Abbildung einer äußeren Realität verstanden werden kann.
Die philosophischen Überlegungen von Ernst von Glasersfeld und Heinz von Foerster greifen dabei zentrale Einsichten der Entwicklungspsychologie Jean Piagets auf und beziehen zugleich Ergebnisse der Kognitionswissenschaft ein. Ergänzt wird diese Perspektive durch die Systemtheorie Niklas Luhmanns, die beschreibt, wie Individuen als autopoietische psychische Systeme durch Kommunikation irritiert werden und wie aus diesen Prozessen das entsteht, was als soziale Wirklichkeit und Gesellschaft erscheint.
Die in ihren jeweiligen Disziplinen tragfähigen Ansätze werden in diesem Buch daraufhin untersucht, in welcher Weise sie sich zu einem konsistenten Gesamtbild verbinden lassen. Ziel ist es, die verschiedenen theoretischen Perspektiven so zusammenzuführen, dass eine möglichst widerspruchsarme und zugleich alltagsrelevante Beschreibung menschlicher Welterkenntnis entsteht. Der radikale Konstruktivismus erscheint dabei nicht nur als erkenntnistheoretische Position, sondern als ernstzunehmende Weltvorstellung mit Konsequenzen für Lernen, Kommunikation, Konflikte und den Umgang mit anderen Menschen.
Im Zentrum dieses Buches steht deshalb nicht die Behauptung einer neuen Wahrheit über die Welt, sondern die Frage, wie Menschen unter den Bedingungen begrenzter Erkenntnis Orientierung gewinnen, Wirklichkeit konstruieren und soziale Übereinstimmung herstellen. Wenn Wahrnehmung Konstruktion ist und Wirklichkeit nur in Form viabler Ordnungen zugänglich wird, dann betrifft dies nicht nur philosophische oder wissenschaftliche Probleme, sondern ebenso den Alltag: den Umgang mit Widerspruch, die Entstehung von Missverständnissen, die Möglichkeit von Lernen und die Frage, wie Verständigung zwischen unterschiedlichen Weltkonstruktionen überhaupt gelingen kann.
Mathematik und Kunst erscheinen in diesem Zusammenhang als zwei besonders aufschlussreiche Felder menschlicher Kultur. Die Mathematik verweist mit ihrer Logik, ihrer Nachvollziehbarkeit und ihren Strukturen auf grundlegende Formen des Ordnens und Konstruierens. Die Kunst macht dagegen in besonderer Weise erfahrbar, dass Wirklichkeit unterschiedlich gesehen, gedeutet und gestaltet werden kann. Beide Bereiche sind in diesem Buch jedoch nicht Selbstzweck, sondern Beispiele dafür, wie Menschen Weltzugänge ausbilden, stabilisieren, erweitern und miteinander in Beziehung setzen.
So versteht sich dieses Buch als Versuch, verschiedene disziplinäre Einsichten zu einer plausiblen Sicht auf menschliche Erkenntnis und menschliches Zusammenleben zu verbinden. Es geht nicht darum, letzte Gewissheiten zu liefern, sondern darum, eine Denkweise ernst zu nehmen, die Bescheidenheit im Wahrheitsanspruch mit einer größeren Genauigkeit im Verständnis menschlicher Wirklichkeitskonstruktionen verbindet. Vielleicht liegt gerade darin ihre besondere Stärke: dass sie hilft, den Menschen, seine Konflikte, sein Lernen und seine Möglichkeiten des Zusammenlebens verständlicher zu machen.


Einführung
Warum Konstruktivismus heute wichtiger ist als je zuvor
In vielen Bereichen unseres Alltags begegnet uns heute ein Phänomen, das zugleich vertraut und irritierend ist: Menschen sind zunehmend mit vollkommen unterschiedlichen Wirklichkeitsauffassungen konfrontiert – und dennoch hält sich hartnäckig die Überzeugung, es gebe nur eine einzige, objektive Wahrheit.
Diese Spannung ist kein Randphänomen mehr. Sie prägt politische Debatten, gesellschaftliche Konflikte und selbst alltägliche Gespräche. Das Internet hat diesen Zustand nicht geschaffen, aber es hat ihn radikal sichtbar gemacht und verstärkt. Unterschiedliche Perspektiven, Interpretationen und Weltbilder existieren nicht mehr nebeneinander im Verborgenen, sondern treffen unmittelbar aufeinander.
Dabei entsteht ein paradoxes Bild:Je mehr unterschiedliche Sichtweisen zugänglich werden, desto stärker neigen Menschen dazu, ihre eigene Sichtweise als die einzig richtige zu verteidigen.
Aus konstruktivistischer Perspektive ist dieses Verhalten zunächst verständlich. Jeder Mensch konstruiert seine Wirklichkeit auf der Grundlage seiner Erfahrungen, seiner Wahrnehmungen und seiner bisherigen erfolgreichen Handlungen. Was sich im eigenen Leben als viabel, also als funktional und anschlussfähig erwiesen hat, wird als „wahr“ erlebt.
Gerade darin liegt jedoch das Problem:Was für den einen funktioniert, muss für den anderen keineswegs funktionieren.
Wenn nun unterschiedliche, jeweils für sich konsistente Wirklichkeitskonstruktionen aufeinandertreffen, entsteht nicht automatisch Verständigung. Im Gegenteil: Ohne ein Bewusstsein für die konstruktive Natur von Wirklichkeit führt diese Situation häufig zu einer Eskalation von Konflikten. Jede Seite versucht, ihre eigene Perspektive zu behaupten, ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass auch andere Perspektiven legitim sein könnten.
Diese Dynamik wird durch digitale Kommunikationsräume zusätzlich verstärkt. Soziale Medien und algorithmisch strukturierte Informationsumgebungen begünstigen die Bildung von sogenannten „Bubbles“, in denen vor allem solche Inhalte sichtbar werden, die bestehende Überzeugungen bestätigen. Innerhalb dieser Kontexte stabilisieren sich individuelle Wirklichkeitskonstruktionen weiter – sie erscheinen nicht nur funktional, sondern auch sozial bestätigt.
Trifft man dann auf andere Perspektiven, wirken diese nicht einfach anders, sondern oft falsch, irrational oder sogar bedrohlich.
Historisch betrachtet ist diese Situation nicht völlig neu. Immer dann, wenn sich die Verbreitung von Wissen und Weltdeutungen grundlegend verändert hat, wurden bestehende Wahrheitsvorstellungen erschüttert. Ein prominentes Beispiel ist die Erfindung des Buchdrucks. Mit der plötzlichen Vervielfältigung von Texten entstand eine Vielzahl konkurrierender Deutungen, insbesondere im religiösen Bereich. Die zuvor dominierende Vorstellung einer einheitlichen Wahrheit wurde zunehmend infrage gestellt.
Die daraus entstehenden Konflikte waren tiefgreifend und oft gewaltsam. Erst über lange Zeiträume hinweg entwickelten sich kulturelle und politische Strategien, um mit dieser Pluralität umzugehen. Der Westfälische Friede kann als ein historisches Beispiel dafür verstanden werden, wie unterschiedliche Wahrheitsansprüche räumlich und politisch voneinander abgegrenzt wurden, um Konflikte zu begrenzen.
Heute stehen wir vor einer ähnlichen Herausforderung – allerdings unter anderen Bedingungen. Die Pluralität von Wirklichkeitskonstruktionen lässt sich nicht mehr durch geografische oder institutionelle Grenzen trennen. Unterschiedliche Perspektiven begegnen sich unmittelbar, dauerhaft und oft ungefiltert.
Gleichzeitig ist unser kognitives System nicht darauf ausgelegt, mit dieser Form von Unsicherheit leicht umzugehen. Das Gehirn bevorzugt Stabilität, Vorhersagbarkeit und klare Strukturen. Absolute Wahrheiten bieten genau das: Sie reduzieren Komplexität und geben Orientierung. Dass Menschen an ihnen festhalten, ist daher kein Zeichen von Irrationalität, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf Unsicherheit.
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Lernen und Wahrnehmen immer an bestehende neuronale Strukturen anschließen und diese schrittweise verändern . Was wir als „Realität“ erleben, ist kein direktes Abbild einer Außenwelt, sondern das Ergebnis komplexer Verarbeitungsprozesse im Gehirn. Diese Prozesse sind darauf ausgerichtet, handlungsfähige Stabilität zu erzeugen – nicht objektive Wahrheit im philosophischen Sinne.
Gerade deshalb fällt es schwer, die Vorstellung einer festen, unabhängigen Wahrheit aufzugeben. Sie bietet psychische Sicherheit und reduziert die wahrgenommene Komplexität einer zunehmend unübersichtlichen Welt.
Doch genau hier setzt der konstruktivistische Ansatz an.
Er fordert nicht, Wahrheit zu relativieren oder beliebig zu machen. Vielmehr verschiebt er die Perspektive:Statt nach der einen objektiven Wahrheit zu suchen, rückt die Frage in den Mittelpunkt, welche Wirklichkeitskonstruktionen sich in bestimmten Kontexten als tragfähig erweisen.
Diese Verschiebung ist anspruchsvoll. Sie verlangt, die eigene Sichtweise nicht mehr als selbstverständlich gegeben zu betrachten, sondern als Ergebnis eines individuellen Konstruktionsprozesses. Sie bedeutet auch, andere Perspektiven nicht vorschnell als falsch abzulehnen, sondern als alternative, möglicherweise ebenfalls viabel organisierte Wirklichkeitsentwürfe zu verstehen.
Dieser Schritt ist nicht leicht. Er geht mit einem Verlust an scheinbarer Sicherheit einher und erfordert die Bereitschaft, mit Unsicherheit umzugehen. Gleichzeitig eröffnet er jedoch die Möglichkeit, mit der zunehmenden Pluralität unserer Gegenwart konstruktiver umzugehen.
In einer Welt, in der unterschiedliche Wirklichkeiten unweigerlich aufeinandertreffen, wird die Fähigkeit, diese Unterschiede zu verstehen und auszuhalten, zu einer zentralen kulturellen Kompetenz.
Der konstruktivistische Ansatz bietet hierfür kein einfaches Rezept. Aber er stellt ein Denkmodell bereit, das es ermöglicht, Konflikte nicht nur als Zusammenstoß von Wahrheiten zu begreifen, sondern als Begegnung unterschiedlicher Konstruktionen von Wirklichkeit.
Und genau darin könnte seine besondere Aktualität liegen.
Grundannahmen
Kurz gesagt lassen sich zwei grundlegende Annahmen formulieren:
Wahrnehmung ist Konstruktion
Was Menschen als Wirklichkeit erleben, ist kein direktes Abbild einer objektiven Welt. Wahrnehmung entsteht vielmehr durch die Verarbeitung von Reizen im Nervensystem. Das Gehirn interpretiert diese Reize und erzeugt daraus ein für das jeweilige Individuum sinnvolles Bild der Welt.
Wirklichkeit ist daher immer eine Konstruktion – ein inneres Modell, das dem Menschen Orientierung ermöglicht.
Irritationsminimierung
Menschen streben nach Stabilität. Sie möchten ihre Umwelt als verlässlich erleben und das Gefühl haben, dass ihr eigenes Dasein von anderen bestätigt wird.
Aus evolutionsbiologischer Sicht ist dieses Bedürfnis nachvollziehbar. Menschen sind soziale Wesen. Überleben und Fortpflanzung waren in der menschlichen Geschichte fast immer an die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gebunden. Wer dauerhaft aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, hatte nur geringe Chancen zu überleben.
Daher besitzen Menschen ein starkes Bedürfnis nach drei Dingen:
Stabilität
Sicherheit
sozialer Bestätigung
Um diese Bedürfnisse zu erfüllen, stabilisieren Menschen ihre Konstruktion der Wirklichkeit. Wahrnehmungen, die zu den eigenen Erwartungen und zu den Überzeugungen der sozialen Umgebung passen, werden bevorzugt übernommen und bestätigt.
Irritationen – also Erfahrungen, die nicht zum bestehenden Weltbild passen – werden dagegen häufig abgeschwächt, umgedeutet oder ignoriert.
Ob eine Wahrnehmung tatsächlich eine objektive Beschreibung der Welt darstellt oder nur innerhalb einer bestimmten Gruppe plausibel erscheint, lässt sich aus konstruktivistischer Sicht grundsätzlich nicht endgültig entscheiden.

Kurzbeschreibung
Im einzelnen psychischen System entsteht zunächst ein individuelles Weltmodell. Ziel dieses inneren Konstrukts ist nicht die objektive Wahrheit, sondern seine Viabilität – also seine Brauchbarkeit für das eigene Denken und Handeln.
Damit ein solches Konstrukt stabil bleibt, muss seine innere Logik für das Individuum nachvollziehbar sein. In diesem ersten Schritt genügt es daher, dass die Konsistenz des Weltbildes nur für die einzelne Person plausibel erscheint.
Erst durch Perturbationen im Kommunikationssystem können solche individuellen Konstruktionen in Bewegung geraten. Kommunikation bringt Menschen mit anderen Perspektiven, Erfahrungen und Interpretationen in Kontakt. Diese Begegnungen können Irritationen auslösen und neue Denkprozesse anregen.
Im Austausch zwischen Menschen entsteht so ein Diskurs, in dem unterschiedliche Vorstellungen miteinander verglichen, verändert oder erweitert werden. Auf diese Weise entwickeln sich in der sozialen Welt verschiedene Theorien, Modelle und Deutungen der Wirklichkeit.
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Konstruktionsbaustelle
Ein weiteres Ziel der konstruktivistischen Weltvorstellung besteht darin, die viablen Erklärungsansätze verschiedener Wissenschaftsbereiche miteinander zu verknüpfen und daraus eine tragfähige Gesamtsicht zu entwickeln.
Viabilität bedeutet dabei nicht, dass eine Theorie endgültig „wahr“ ist. Eine Theorie gilt vielmehr dann als viabel, wenn sie sich im Denken und Handeln bewährt – wenn sie hilft, Erfahrungen zu ordnen, Probleme zu lösen und neue Perspektiven zu eröffnen.
Die Verbindung solcher viablen Ansätze aus unterschiedlichen Disziplinen kann als eine Art Konstruktionsbaustelle des Wissens verstanden werden. Verschiedene Modelle, Begriffe und Perspektiven werden miteinander kombiniert, überprüft und weiterentwickelt.
Auch dieser Text versteht sich in diesem Sinne als ein solcher Versuch. Er kann als ein Beitrag zur Perturbation des sozialen Kommunikationssystems verstanden werden.
Indem Gedanken formuliert und veröffentlicht werden, gelangen sie in die Kommunikation zwischen Menschen. Dort können sie auf andere psychische Systeme treffen und möglicherweise neue Denkprozesse auslösen.
Welche Reaktionen dadurch entstehen, lässt sich jedoch nicht vorhersagen. Ob ein Gedanke aufgenommen, verändert, kritisiert oder ignoriert wird, bleibt grundsätzlich offen. Eine Wirkung im gewünschten Sinne kann daher nicht garantiert werden.
Trotz dieser Unsicherheit wird der Versuch unternommen.

Ablehnung
Die Philosophie des Konstruktivismus stößt häufig auf starke emotionale Ablehnung. Der Gedanke, dass es möglicherweise keine endgültigen Aussagen über eine objektive Außenwelt gibt und dass damit auch der Anspruch auf eine absolute Wahrheit aufgegeben werden muss, ist für viele Menschen schwer zu akzeptieren.
Mehrere Gründe können diese Ablehnung erklären.
Zum einen kann der radikale Konstruktivismus als ein Angriff auf die persönliche Identität erlebt werden. Für viele Menschen gehört es zum erfolgreichen Navigieren durch die Lebenswelt, „Recht zu haben“. Dieses Gefühl setzt meist voraus, dass es eine eindeutige Wahrheit gibt, auf die man sich berufen kann. Die Vorstellung, etwas wirklich zu wissen, wird so zu einem Teil der eigenen Selbstdefinition.
Wenn diese Vorstellung infrage gestellt wird, kann das als Verunsicherung erlebt werden. Der Mensch strebt nach Stabilität und Sicherheit. Die Idee, dass es möglicherweise keine endgültigen Wahrheiten gibt, sondern nur Konstruktionen von Wirklichkeit, kann daher Ängste auslösen. Ein Leben, in dem unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen und keine absolute Gewissheit erreichbar ist, verlangt einen Umgang mit dauerhafter Unsicherheit.
Gleichzeitig entsteht häufig die Befürchtung, dass mit der Aufgabe eines absoluten Wahrheitsbegriffs auch die Möglichkeit gegenseitigen Verständnisses verloren gehen könnte. Wenn es keine objektive Wahrheit mehr gibt, so scheint es manchen Menschen, als gäbe es auch keinen gemeinsamen Bezugspunkt mehr, auf den man sich in Diskussionen berufen könnte.
Diese Sorge übersieht jedoch, dass Verständigung auch ohne absolute Wahrheiten möglich ist. Kommunikation funktioniert nicht dadurch, dass Menschen auf eine endgültige Wahrheit verweisen, sondern dadurch, dass sie ihre Perspektiven miteinander vergleichen, anpassen und schrittweise gemeinsame Bedeutungen entwickeln.

Es ist nicht der radikale Konstruktivismus, der dem Menschen die Wahrheit nimmt. Moderne Theorien der Wahrnehmung und Erkenntnis, die auf Ergebnissen der Gehirn- und Kognitionsforschung beruhen, zeigen zunehmend deutlich, dass eine unmittelbare und objektive Erkenntnis der Welt nicht möglich ist.
Der radikale Konstruktivismus beschreibt daher eher eine Konsequenz dieser Einsichten, als dass er sie erst hervorbringt.
Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Wirklichkeit erfolgreich leben können. Unterschiedliche Konstruktionen der Welt ermöglichen Orientierung und Handlungsfähigkeit, auch wenn sie nicht als endgültige Beschreibung einer objektiven Realität verstanden werden können.
Auch in der Wissenschaft existiert keine endgültig gesicherte Wahrheit. Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht durch Hypothesen und Modelle, die Beobachtungen erklären und Vorhersagen ermöglichen. Solche Modelle behalten ihre Gültigkeit nur so lange, bis neue Erkenntnisse zu besseren Erklärungen führen.
In ähnlicher Weise verhält es sich im Alltag. Menschen orientieren sich an Deutungen der Welt, die ihnen helfen, Erfahrungen zu verstehen und ihr Handeln zu koordinieren. Eine Vorstellung von Wirklichkeit behält ihre Gültigkeit so lange, wie sie sich im Leben bewährt.
In konstruktivistischer Terminologie bedeutet dies: Eine Erklärung ist nicht deshalb gültig, weil sie endgültig wahr ist, sondern weil sie viabel ist – weil sie im Umgang mit der Welt funktioniert.

Kommunikation und Perspektiven
Wenn unterschiedliche Konstruktionen von Wirklichkeit nebeneinander funktionieren können, wird es wichtig, diese Möglichkeit auch anzuerkennen. Erst unter dieser Voraussetzung kann ein produktiver Austausch über verschiedene Herangehensweisen im Umgang mit Realität entstehen.
Solange Menschen davon ausgehen, dass es nur eine einzige Wahrheit gibt und dass diese im eigenen Denken bereits vollständig erkannt wurde, wird Kommunikation schwierig. Begegnungen mit anderen Perspektiven werden dann leicht als Angriff auf die eigene Überzeugung erlebt. Die häufig zu beobachtende Empörung darüber, dass andere Menschen zu anderen Einschätzungen gelangen, lässt sich so zumindest teilweise erklären.
Diese Reaktion ist menschlich nachvollziehbar, sie führt jedoch selten zu einem besseren Verständnis. Wenn man akzeptiert, dass unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen, aber für sie viablen Deutungen der Welt gelangen können, wird der Austausch über diese Perspektiven deutlich einfacher.
Die Anerkennung verschiedener Sichtweisen bedeutet nicht, dass jede Vorstellung automatisch gleich überzeugend ist. Sie eröffnet jedoch die Möglichkeit, Ideen miteinander zu vergleichen, weiterzuentwickeln und gegebenenfalls zu korrigieren. Auf diese Weise kann Kommunikation zu einer Erweiterung der eigenen Denkmöglichkeiten beitragen und gleichzeitig Konflikte reduzieren.
Da diese Fragen häufig emotional besetzt sind, wird der Text in diesem Buch durch Illustrationen und grafische Darstellungen ergänzt. Sie sollen die beschriebenen Zusammenhänge anschaulicher machen und den Zugang zu den konstruktivistischen Gedanken erleichtern. Die grafische Unterstützung der Konzepte soll helfen, mögliche Vorbehalte zu verringern und die Ideen im Kommunikationssystem anschlussfähiger zu machen.

Wahrheit und Viabilität
In vielen philosophischen Traditionen wird davon ausgegangen, dass Erkenntnis das Ziel hat, eine objektive Wahrheit über die Welt zu finden. Wahrheit wird dabei als eine korrekte Übereinstimmung zwischen unseren Aussagen und einer unabhängig existierenden Realität verstanden.
Der radikale Konstruktivismus stellt diese Vorstellung infrage. Da Menschen keinen direkten Zugang zu einer objektiven Außenwelt besitzen, kann auch nicht überprüft werden, ob eine Vorstellung tatsächlich mit der Welt „an sich“ übereinstimmt.
An die Stelle des Wahrheitsbegriffs tritt daher der Begriff der Viabilität.
Eine Vorstellung gilt nicht deshalb als gültig, weil sie eine endgültige Wahrheit beschreibt, sondern weil sie sich im Umgang mit der Welt bewährt. Eine Erklärung ist viabel, wenn sie hilft, Erfahrungen zu ordnen, Vorhersagen zu ermöglichen und erfolgreich zu handeln.
Viable Konstruktionen können sich verändern, sobald neue Erfahrungen oder neue Erklärungsmodelle entstehen, die besser funktionieren. Wissen bleibt daher grundsätzlich vorläufig und offen für Weiterentwicklung.
Der radikale Konstruktivismus ersetzt damit die Suche nach endgültiger Wahrheit durch die Suche nach funktionierenden und anschlussfähigen Erklärungen.

Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass Wahrnehmung nicht als unmittelbarer Zugang zu einer objektiven Wirklichkeit verstanden werden kann. Menschen orientieren sich vielmehr an Konstruktionen, die sich im Umgang mit der Welt als mehr oder weniger brauchbar erweisen.
Wenn Wissen nicht auf einer endgültigen Wahrheit beruhen kann, stellt sich jedoch eine grundlegende Frage:
Auf welcher Grundlage kann Denken überhaupt stattfinden?
Der Konstruktivismus versucht, auf diese Frage eine Antwort zu geben.
Kapitel 1: Konstruktivismus
Was ist radikaler Konstruktivismus?
Der Begriff Konstruktivismus wird für eine Vielzahl von Theorien verwendet, die sich mit der Entstehung von Wissen und Wirklichkeitsvorstellungen beschäftigen. Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Annahme, dass Menschen ihre Vorstellungen von der Welt nicht einfach aus der Realität übernehmen, sondern aktiv konstruieren.
Dabei stellt sich eine grundlegende philosophische Schwierigkeit: Wenn es keine absolute Wahrheit gibt, auf die sich Erkenntnis stützen kann, worauf gründet sich dann unser Denken?
Schon viele klassische philosophische Versuche, ein sicheres Fundament des Wissens zu finden, beruhen auf Voraussetzungen, die selbst nicht überprüfbar sind. So wurde etwa Descartes’ berühmter Satz „Ich denke, also bin ich“ zu einer der Grundlagen des modernen Denkens. Doch auch diese Aussage setzt bereits eine bestimmte Form des Denkens voraus.
Der radikale Konstruktivismus verzichtet daher auf die Suche nach einem letzten, unerschütterlichen Fundament. Stattdessen betrachtet er Wissen als einen Prozess des Aufbauens von Modellen.
Der Begriff Konstruktion verweist genau auf diesen Prozess: Wissen wird aufgebaut, überprüft und weiterentwickelt. Es basiert nicht auf einer endgültigen Wahrheit, sondern auf Hypothesen, die miteinander verglichen und auf ihre innere Konsistenz geprüft werden.
Solche Konstruktionen müssen nicht wahr im absoluten Sinne sein. Entscheidend ist vielmehr, ob sie viabel sind – ob sie helfen, Erfahrungen zu ordnen, Ereignisse zu erklären und erfolgreich zu handeln.
Radikaler Konstruktivismus versteht Erkenntnis daher nicht als Entdeckung einer objektiven Welt, sondern als fortlaufenden Prozess des Modellierens und Anpassens von Wirklichkeitsvorstellungen.

Der radikale Konstruktivismus, ein Begriff, der maßgeblich von Ernst von Glasersfeld geprägt wurde, knüpft an die entwicklungspsychologischen Arbeiten von Jean Piaget an. Er ist eine philosophische Theorie der Wahrnehmung und der Erkenntnis.
Der radikale Konstruktivismus stellt die traditionelle Annahme infrage, dass unsere Vorstellungen von der Welt notwendigerweise eine äußere Realität widerspiegeln oder diese sogar direkt abbilden. Stattdessen geht er davon aus, dass Menschen nur Zugang zu ihren eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen haben.
Die Wirklichkeit kann daher niemals als das erkannt werden, „was sie wirklich ist“. Selbst wenn es möglich wäre, eine Vorstellung von der Welt zu entwickeln, die mit einer objektiven Realität übereinstimmt, könnte nicht entschieden werden, ob diese Übereinstimmung tatsächlich besteht.
Aus diesem Grund werden im radikalen Konstruktivismus die klassischen Begriffe von gesicherter Erkenntnis und absoluter Wahrheit grundsätzlich infrage gestellt. An ihre Stelle treten die Begriffe Plausibilität und Viabilität. Eine Erklärung gilt nicht deshalb als gültig, weil sie eine endgültige Wahrheit beschreibt, sondern weil sie sich im Umgang mit der Welt bewährt.
Im Unterschied zu vielen traditionellen erkenntnistheoretischen Ansätzen versteht der Konstruktivismus Erkenntnis daher als einen Prozess der Ordnung und Organisation von Erfahrung. Wissen entsteht dadurch, dass Erfahrungen in einer Weise strukturiert werden, die Orientierung und erfolgreiches Handeln ermöglicht.
Da jeder Organismus über unterschiedliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstrukturen verfügt, entstehen auch unterschiedliche Formen der Erkenntnis. Wahrnehmung ist immer von den biologischen und kognitiven Strukturen abhängig, die im Organismus bereits vorhanden sind.
Das bedeutet zugleich, dass es keinen unmittelbaren kognitiven Zugang zu einer „Welt an sich“ gibt. Wahrnehmung und Interpretation lassen sich nicht voneinander trennen. Jede Wahrnehmung ist immer bereits eine Interpretation der Erfahrung.
In diesem Buch wird der Begriff Konstruktivismus im Sinne des radikalen Konstruktivismus verwendet. Andere Bedeutungen des Begriffs – etwa ethischer, interaktionistischer, sozialer oder mathematischer Konstruktivismus sowie die kunsthistorische Richtung des Konstruktivismus – sind hier nicht gemeint (vgl. Simon 2013, S. 69).

Der radikale Konstruktivismus stützt sich auf mehrere unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven. Drei theoretische Bereiche sind dabei besonders wichtig.
Erstens liefern die Neurowissenschaften, insbesondere die Neurobiologie von Wahrnehmung und Erkenntnis, wichtige Hinweise darauf, dass das Gehirn kein direktes Abbild der äußeren Welt erzeugt. Wahrnehmung entsteht vielmehr durch komplexe Verarbeitungsprozesse im Nervensystem. Diese Erkenntnisse machen es plausibel, dass Menschen ihre Wirklichkeit nicht einfach entdecken, sondern aktiv konstruieren.
Zweitens bildet die philosophische Theorie des Konstruktivismus selbst einen zentralen Bestandteil dieses Ansatzes. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Erkenntnis möglich ist, wenn kein unmittelbarer Zugang zu einer objektiven Realität besteht. Anstelle einer absoluten Wahrheit tritt dabei der Begriff der Viabilität: Eine Erklärung gilt als gültig, wenn sie sich im Umgang mit Erfahrung bewährt.
Drittens tragen auch kognitionswissenschaftliche und systemtheoretische Ansätze zu diesem Verständnis bei. Sie untersuchen, wie komplexe Systeme – etwa Gehirne, Organismen oder soziale Systeme – Informationen verarbeiten und sich an ihre Umwelt anpassen.
Der radikale Konstruktivismus verbindet diese unterschiedlichen Perspektiven zu einem gemeinsamen Denkmodell. Die daraus entstehende Struktur von Annahmen und Schlussfolgerungen erzeugt in vielen Bereichen viable Ergebnisse. Gerade diese praktische Bewährung trägt wiederum zur Plausibilität des konstruktivistischen Ansatzes bei.

Realität vs. Viabilität
Bereits in der Philosophie von Kant bis Popper lassen sich Gedanken finden, die später im radikalen Konstruktivismus eine zentrale Rolle spielen sollten. Die Frage, ob und in welchem Sinne Menschen überhaupt Zugang zu einer objektiven Realität besitzen, gehört seit langem zu den grundlegenden Problemen der Erkenntnistheorie.
Mit den entwicklungspsychologischen Forschungen von Jean Piaget erhielt diese Frage eine neue empirische Grundlage. Piaget konnte zeigen, dass der Mensch nicht als fertiges, von Anfang an logisch denkendes Wesen zur Welt kommt. Die Fähigkeiten, mit denen Menschen ihre Umwelt verstehen und in ihr handeln, entstehen vielmehr im Laufe der individuellen Entwicklung.
Kinder bauen ihre Vorstellungen von der Welt schrittweise auf. Wahrnehmung, Denken und Handeln entwickeln sich in einer fortlaufenden Auseinandersetzung mit der Umwelt. Erkenntnis ist daher kein Abbilden einer gegebenen Wirklichkeit, sondern ein Prozess des Aufbauens von Strukturen, die sich im Umgang mit der Welt bewähren.
Die Kernthesen des Konstruktivismus werden häufig so missverstanden, als ginge es darum zu behaupten, die Wirklichkeit sei lediglich eine Erfindung des Menschen. In konstruktivistischer Perspektive geht es jedoch um etwas anderes. Menschen erfinden die Welt nicht beliebig, sondern sie entwickeln im Laufe ihres Lebens Konstruktionen, die in der Interaktion mit der Umwelt entstehen und sich dort als mehr oder weniger brauchbar erweisen.
Diese Konstruktionen können sich der Realität annähern, ohne sie jemals vollständig abzubilden. Entscheidend ist nicht ihre Übereinstimmung mit einer objektiven Welt, sondern ihre Viabilität – ihre Fähigkeit, Orientierung zu geben und erfolgreiches Handeln zu ermöglichen (vgl. Glasersfeld 1996, S. 56 ff.; 320 ff.).

Wenn wir die Natur beobachten, Hypothesen formulieren und daraus Vorhersagen ableiten, die sich immer wieder bestätigen, sprechen wir von Naturgesetzen. Dennoch bedeutet dies nicht, dass die Natur tatsächlich genau so beschaffen ist, wie unsere Gesetze sie beschreiben.
Erstens verfügen wir immer nur über Theorien, die bisher nicht widerlegt wurden. Dass eine Theorie nicht falsifiziert wurde, bedeutet jedoch nicht, dass sie endgültig wahr ist.
Zweitens kann eine wissenschaftliche Theorie nur eine von mehreren möglichen Arten sein, die Welt sinnvoll zu beschreiben. Wissenschaftliche Modelle sind Konstruktionen, die helfen, Beobachtungen zu ordnen und Vorhersagen zu ermöglichen. Sie werden durch Experimente immer wieder daraufhin überprüft, ob sie Widersprüche erzeugen.
Die Geschichte der Physik liefert dafür zahlreiche Beispiele. Die Newtonsche Physik ist ein äußerst erfolgreicher Weg, physikalische Vorgänge in vielen Größenordnungen widerspruchsarm zu berechnen. Sie ist daher in vielen Bereichen sehr gut viabel.
In anderen Zusammenhängen – etwa bei sehr hohen Geschwindigkeiten oder starken Gravitationsfeldern – erweist sich jedoch die Relativitätstheorie als das geeignetere Modell. Welche dieser Theorien der „wirklichen“ Realität näherkommt, lässt sich grundsätzlich nicht entscheiden.
Es ist sogar denkbar, dass zukünftige physikalische Theorien größere Unterschiede zur Relativitätstheorie aufweisen werden als diese zur Newtonschen Physik.
Auch Thomas Kuhns Beschreibung wissenschaftlicher Paradigmenwechsel lässt sich in diesem Zusammenhang verstehen. Neue Theorien ersetzen ältere nicht unbedingt deshalb, weil sie der Realität näherkommen, sondern weil sie in bestimmten Bereichen besser funktionieren.
Dass eine Theorie funktioniert, bedeutet dabei noch nicht, dass sie eine echte Erklärung liefert. So lassen sich etwa auch scheinbare Zusammenhänge konstruieren, die statistisch stabil erscheinen, ohne eine reale Ursache zu besitzen. Beispielsweise könnte man beobachten, dass bestimmte Friseurtermine mit Mondphasen korrelieren, ohne dass sich daraus tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang ableiten lässt. Der entscheidende Punkt ist daher nicht, ob eine Theorie wahr ist, sondern ob sie Widersprüche minimiert und erfolgreiches Handeln ermöglicht.

Hans-Joachim Störig beschreibt diese Perspektive auf den Menschen mit einer anschaulichen Metapher:
„Wie ein Kapitän, der bei Nacht und stürmischer See eine Meeresenge durchfahren muss, von der er keine Seekarte besitzt, von der er nicht einmal weiß, ob eine befahrbare Route existiert, ist der Mensch vor die Aufgabe gestellt, aus den auf ihn einstürmenden Sinneseindrücken eine Systematik und Ordnung zu konstruieren. Wenn dem Kapitän die Passage gelingt, dann kann er trotzdem noch nicht sagen, er kenne das Seegebiet. Er hat eine gangbare Route entdeckt, und es ist wahrscheinlich, dass es noch andere und bessere Durchfahrtsmöglichkeiten gibt. Der Kurs des Kapitäns passt; er ist – in der Sprache der Konstruktivisten – viabel, er ist operativ tauglich.“(Störig 1998, S. 698)
Der Kapitän wird beim nächsten Versuch vermutlich wieder eine ähnliche Route wählen. Nicht weil er die wahre Struktur des Meeresgebietes kennt, sondern weil dieser Weg sich als gangbar erwiesen hat.
Viabilität bedeutet daher, dass sich eine Konstruktion in bestimmten Kontexten und für bestimmte Probleme bewährt hat. Erkenntnis ist in diesem Sinn kein Abbild der Wirklichkeit, sondern ein Instrument, das Orientierung ermöglicht und erfolgreiches Handeln erlaubt.
In konstruktivistischer Perspektive dient Wissen somit in erster Linie dem Zurechtfinden und Überleben in einer Welt, die niemals unmittelbar erkannt werden kann. Die objektive Wirklichkeit bleibt dem Erkennen grundsätzlich verschlossen (vgl. Glasersfeld 1996, S. 96).
Ein ähnliches Prinzip lässt sich auch bei technischen Systemen beobachten. Ein selbststeuernder Staubsauger muss nicht wissen, wie ein Wohnzimmer „wirklich“ aussieht oder was ein Wohnzimmer überhaupt ist. Es genügt, dass seine Sensoren und Bewegungsalgorithmen es ihm ermöglichen, sich so durch den Raum zu bewegen, dass der Boden effektiv gereinigt wird.
Auch hier geht es nicht um Wahrheit, sondern um funktionierende Orientierung.

Dass der Kapitän beim nächsten Versuch vermutlich wieder eine ähnliche Route wählen wird, entspricht einer grundlegenden Eigenschaft des menschlichen Gehirns. Menschen neigen dazu, an Lösungen festzuhalten, die sich bereits als funktionierend erwiesen haben, anstatt ständig neue Möglichkeiten auszuprobieren, deren Erfolg ungewiss ist.
In diesem Verhalten zeigt sich eine gewisse Veränderungsresistenz. Das Gehirn arbeitet ökonomisch und bevorzugt Strategien, die bereits erfolgreich waren. Ein einmal bewährter Weg erscheint sicherer als ein unbekannter.
Gleichzeitig eröffnet die Kommunikation zwischen Menschen eine weitere Möglichkeit. Die Erfahrungen vieler Individuen können gesammelt und miteinander verglichen werden. Auf diese Weise entsteht ein wachsender Bestand an Wissen über die Welt.
Wenn unterschiedliche Menschen ihre Erfahrungen teilen, können verschiedene viable Lösungswege miteinander verglichen werden. Dadurch besteht die Möglichkeit, bessere Modelle zu entwickeln und bisherige Annahmen zu verbessern.
Dieser Prozess funktioniert jedoch nicht automatisch. Auch im gesellschaftlichen Austausch bleiben Menschen häufig bei bestehenden Überzeugungen, selbst wenn alternative Erklärungen plausibel erscheinen. Öffentliche Diskussionen über wissenschaftliche Fragen zeigen immer wieder, dass sich Überzeugungen nicht allein durch neue Informationen verändern.
Der konstruktivistische Ansatz beschreibt daher nicht nur die Entstehung von Wissen, sondern auch die Schwierigkeiten, die mit der Veränderung bestehender Weltbilder verbunden sind.

Da alles, was wir von der Realität zu wissen glauben, Ergebnis von Konstruktionen ist, entsteht die Wirklichkeit, in der wir leben, aus der Gesamtheit dieser Konstruktionen. Auch der Begriff „Realität“ selbst ist Teil solcher Konstruktionen.
Wissen über die Welt kann daher nicht im Sinne eines korrekten Abbildes einer unabhängigen Realität als wahr oder falsch bewertet werden. Stattdessen handelt es sich um mögliche Sichtweisen, die sich in bestimmten Situationen als viabel erweisen können. Ihre Brauchbarkeit zeigt sich darin, ob sie Orientierung ermöglichen und erfolgreiches Handeln erlauben.
Vorstellungen über die Außenwelt werden im praktischen Umgang mit der Umwelt immer wieder überprüft. Verändert werden sie meist erst dann, wenn die Konsequenzen ihres Beibehaltens größer werden als der Aufwand, die eigene Sichtweise zu korrigieren.
Da jedes Wissen konstruiertes Wissen ist, kann keine Vorstellung grundsätzlich einen Anspruch auf objektive Privilegiertheit erheben. Unterschiedliche Menschen können daher zu unterschiedlichen Zeiten zu unterschiedlichen, jeweils für sie funktionierenden Auffassungen von Wirklichkeit gelangen.
Konflikte entstehen häufig dann, wenn Menschen davon ausgehen, dass ihre eigene Konstruktion der Welt die einzig richtige sein müsse.
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Wissenschaftliche Erkenntnis und Alltagserkenntnis unterscheiden sich im konstruktivistischen Verständnis nicht grundsätzlich voneinander. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass im wissenschaftlichen Kommunikationssystem andere Maßstäbe für die Bewertung von Aussagen gelten.
Wissen und Erkenntnis sind grundsätzlich selbstreferentiell. Neue Erkenntnisse werden nicht an einer objektiven Wirklichkeit gemessen, sondern an bereits vorhandenen Erkenntnissen überprüft und korrigiert. Erkenntnis korrigiert sich daher an Erkenntnis.
Diese Selbstreferentialität gilt auch für die Wissenschaft. Auch wissenschaftliche Theorien können ihren Bestand nicht durch einen absoluten Wahrheitsanspruch sichern. Es gibt keine unumstößliche Wahrheit, auf der wissenschaftliche Erkenntnis dauerhaft aufgebaut werden könnte.
Stattdessen werden diejenigen Theorien beibehalten, die sich in der Praxis bewähren. Wissenschaft funktioniert in diesem Sinne ähnlich wie andere Formen menschlichen Wissens: Modelle werden genutzt, solange sie sich als brauchbar erweisen und erfolgreiches Handeln ermöglichen.
Gerhard Roth formuliert diesen Gedanken prägnant, wenn er schreibt, dass auch wissenschaftliche Erkenntnis letztlich auf der konstruktiven Tätigkeit des Gehirns beruht und ihre Gültigkeit aus ihrer praktischen Bewährung erhält (Roth 1992, S. 279).
Wissen bleibt daher so lange bestehen, wie es sich als tauglich erweist – solange es viabel ist.
Ob dieser Prozess gleichzeitig eine Annäherung an eine objektive Wahrheit darstellt, lässt sich grundsätzlich nicht entscheiden. Im günstigsten Fall kann man sagen, dass sich mit der Zeit eine höhere Konsistenz der Erklärungen ergibt.

Das bedeutet auch, dass alternative Denk- und Deutungsmöglichkeiten immer existieren – und nicht nur existieren könnten (vgl. Glasersfeld 1996, S. 330).
In der heutigen Zeit wird diese Vielfalt von Weltvorstellungen besonders sichtbar. Die Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologie führen dazu, dass Menschen ständig mit anderen Perspektiven konfrontiert werden. Unterschiedliche Auffassungen über die Welt werden dadurch für viele Menschen unmittelbar erfahrbar.
Dass Wahrnehmungen und Interpretationen voneinander abweichen können, gehört zu den alltäglichen Erfahrungen des menschlichen Zusammenlebens. Man begegnet diesem Phänomen in persönlichen Beziehungen, in nachbarschaftlichen Konflikten oder in politischen Diskussionen. Immer wieder zeigt sich dabei, dass Menschen dieselben Ereignisse sehr unterschiedlich interpretieren können.
Wenn solche unterschiedlichen Weltvorstellungen aufeinandertreffen und gleichzeitig der Anspruch erhoben wird, die eigene Sichtweise sei die einzig richtige, entstehen leicht Konflikte. Viele gesellschaftliche Spannungen lassen sich zumindest teilweise auf diese Situation zurückführen.
Gleichzeitig liegt in dieser Vielfalt auch eine wichtige kulturelle Ressource. Unterschiedliche Weltdeutungen ermöglichen verschiedene Wege, dem Leben Bedeutung zu geben und gesellschaftliche Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.
Besonders im Bereich der Kultur wird sichtbar, dass alternative Denkweisen bestehen können, sobald sie sich als gangbare Wege erweisen. In konstruktivistischer Perspektive bedeutet dies: Eine kulturelle Praxis bleibt bestehen, solange sie sich im Leben der Menschen als viabel erweist.
Die Vielfalt von Kulturen zeigt daher, dass es viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, dem menschlichen Leben Sinn zu geben und innerhalb einer Gemeinschaft zu bestehen.

Zwei Beispiele für den Umgang mit der konstruktivistischen Vielfalt sind Kunst und Mathematik. Beide beschäftigen sich mit menschlichen Konstruktionen von Welt, gehen jedoch sehr unterschiedlich mit dieser Vielfalt um.
Die Kunst – verstanden als das Hervorbringen neuer Ausdrucksformen – setzt sich besonders mit der Einzigartigkeit individueller Weltdeutungen auseinander. In diesem Bereich können alternative Denk- und Wahrnehmungsweisen unmittelbar als gültig erscheinen, sobald sie als gangbare Ausdrucksformen funktionieren. In konstruktivistischer Perspektive bedeutet dies: Auch hier entscheidet letztlich die Viabilität.
Im künstlerischen Bereich wird Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern oft ausdrücklich gesucht. Neue Perspektiven, neue Formen und neue Erfahrungen werden als Bereicherung verstanden. Kunst eröffnet Möglichkeiten, die Welt anders zu sehen und andere Formen der Erfahrung zu machen.
Für die Betrachtenden bedeutet dies häufig, dass sie sich zunächst auf einen Prozess einlassen müssen. Erst durch eine Art Nachkonstruktion der im Kunstwerk enthaltenen Perspektive wird verständlich, wie diese Sichtweise der Welt entstehen konnte.
Im Zentrum künstlerischer Tätigkeit steht daher die individuelle Auseinandersetzung mit der Welt. Ob in Malerei, Zeichnung, Bildhauerei oder anderen Ausdrucksformen – das künstlerische Schaffen folgt in erster Linie einer eigenen Idee oder Vorstellung.
Die Mathematik stellt dazu einen scheinbaren Gegenpol dar. Während die Kunst die Vielfalt möglicher Weltdeutungen sichtbar macht, beschäftigt sich die Mathematik mit den Strukturen des Denkens selbst.
Die abstrakten Strukturen der Mathematik – insbesondere in ihrer reinen Form – sind unabhängig von konkreten Gegenständen der Welt. Dennoch werden sie immer wieder auf die Welt angewendet und dienen als Werkzeuge, um Zusammenhänge zu beschreiben und zu verstehen.
Mathematik ermöglicht es, eine Vielzahl von Erscheinungen unter gemeinsamen Regeln zusammenzufassen. Dadurch kann die Komplexität der Welt reduziert werden, sodass sie für den Menschen handhabbar und verstehbar wird.

Fundament des Konstruktivismus
Die Philosophie des Konstruktivismus versteht sich nicht als rein spekulative Theorie. Sie stützt sich ausdrücklich auf Erkenntnisse aus verschiedenen Einzelwissenschaften, insbesondere aus der Neurobiologie, der Psychologie und den Kommunikationswissenschaften (vgl. Roth 1997, S. 317).
Diese wissenschaftlichen Ansätze liefern zahlreiche Hinweise darauf, dass Wahrnehmung, Erkenntnis und Wissen nicht als direkte Abbilder einer objektiven Realität verstanden werden können, sondern als Ergebnisse komplexer konstruktiver Prozesse.
Gleichzeitig bleibt jedoch auch der Konstruktivismus von einem grundlegenden Problem betroffen. Seine Argumentation kann nicht auf ein absolut gesichertes Fundament gestellt werden. Auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse, auf die er sich beruft, beruhen selbst auf theoretischen Voraussetzungen und Modellen.
In diesem Sinn „hängt“ auch das Fundament des Konstruktivismus gewissermaßen in der Luft. Die Situation erinnert an die bekannte Geschichte von Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen wollte.
Der Unterschied besteht allerdings darin, dass der Konstruktivismus diese Situation ausdrücklich reflektiert. Die verschiedenen Wissenschaften versuchen jeweils unter bestimmten Voraussetzungen, die Welt zu beschreiben und zu verstehen. Diese Voraussetzungen werden jedoch nicht als endgültige Wahrheiten betrachtet, sondern selbst als Teil eines fortlaufenden Erkenntnisprozesses.
Das Fundament des Konstruktivismus ist daher kein unverrückbarer Ausgangspunkt, sondern ein Netz von miteinander verbundenen wissenschaftlichen Ansätzen, die sich gegenseitig stützen und korrigieren.

Wahrnehmung
Lange Zeit wurde Wahrnehmung so verstanden, als würde die Außenwelt durch die Sinnesorgane in das Gehirn „übertragen“, wo anschließend ein möglichst getreues Abbild der Welt entstünde.
Neurowissenschaftliche Forschungen zeigen jedoch, dass die Zusammenhänge zwischen Außenwelt, Sinnesorganen und Gehirn wesentlich komplexer sind. Die Außenwelt wird nicht einfach durch die Sinnesorgane in das Gehirn transportiert und dort als exakte Kopie aufgebaut (vgl. Roth 1997, S. 252).
Im Gehirn wird die Außenwelt daher nicht im Sinne eines vollständigen Abbildes repräsentiert. Die Aufgabe der Sinnesorgane besteht nicht darin, die Umwelt möglichst exakt und vollständig zu erfassen oder die Welt so zu erkennen, wie sie „wirklich“ ist.
Sinnesorgane liefern lediglich Reize, die über das Nervensystem an das Gehirn weitergegeben werden. Der eigentliche Prozess der Wahrnehmung entsteht erst in den neuronalen Verarbeitungsprozessen des Gehirns.
Dabei beschäftigen sich die beteiligten Hirnstrukturen zu einem großen Teil mit ihren eigenen internen Aktivitätsmustern (vgl. Roth 1996, S. 53f.). Umweltinformationen wirken eher als Auslöser oder Modulatoren bereits vorhandener neuronaler Prozesse.
Die Wahrnehmung wird daher nur teilweise und oft sehr lückenhaft durch Umweltreize bestimmt. Was wir als Welt erleben, entsteht wesentlich aus der Aktivität des Gehirns selbst.

Die Wahrnehmung des Menschen hängt wesentlich von der schon vorhandenen Struktur des Gehirns und den bereits vorhandenen Verarbeitungsebenen ab (vgl. Roth 1997, S. 253ff.).
Das Gehirn ist in dieser Struktur determiniert und konstruiert auf dieser Grundlage eine eigene Erlebniswelt, die vom Individuum als Wirklichkeit erlebt wird (vgl. Roth 1996, S. 54). Diese Erlebniswelt entsteht nicht primär aus einer vollständigen Aufnahme der Umwelt, sondern in hohem Maße aus den bereits vorhandenen internen Strukturen des Gehirns.
In diesem Zusammenhang lassen sich auch Raum und Zeit im Sinne von Kants Philosophie als a-priori Kategorien verstehen: grundlegende Strukturen, mit denen das Gehirn Erfahrungen ordnet.
Die neuronale Aktivität des Gehirns reagiert zu einem großen Teil selbstreferentiell, also auf bereits bestehende Strukturen und Aktivitätsmuster (vgl. Roth 1996, S. 53f.). Umweltreize wirken vor allem als Auslöser oder Modulatoren dieser inneren Prozesse.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die starke Filterung der Sinnesinformationen. Von den Milliarden möglicher Umweltreize, die pro Sekunde vorhanden sind, könnte der menschliche Wahrnehmungsapparat zwar potentiell Millionen aufnehmen. Im Gehirn selbst werden jedoch nur sehr wenige dieser Informationen tatsächlich weiterverarbeitet.
Diese Auswahl erfolgt durch neuronale Filtermechanismen. Sie entscheiden, welche Sinneseindrücke relevant genug sind, um in die Konstruktion der eigenen Erlebniswelt aufgenommen zu werden. Diese Filter sind notwendig, weil das Gehirn aus energetischen Gründen nur eine begrenzte Menge an Informationen verarbeiten kann.
Die Auswahl dieser Filter ist jedoch nicht eindeutig festgelegt. Sie kann sich zwischen Individuen unterscheiden und sich im Laufe des Lebens verändern.
Aus diesem Grund können verschiedene Menschen aus derselben Umwelt unterschiedliche, aber jeweils viable Weltbilder konstruieren.


Aufbau der Wahrnehmungsfilter
Für eine Ausbildung dieses Filters hat der Mensch vom Moment seinr Geburt Zeit und lernt von Tag zu Tag die Überforderung der Milliarden Elemente der Sinneseindrücke auf nur wenige pro Sekunde zu reduzieren. Werden dabei wichtige Elemente ausgeblendet, führt dies zu Fehlleistungen und der Filter muss überarbeitet werden, bis bestenfalls genau die Wahrnehmungselemente den Filter passieren können, die ausreichen, um erfolgreich in einer physischen und sozialen Umwelt zu navigieren. Mit der Geburt beginnt im menschlichen Gehirn ein Prozess, bei dem die Filter für diese Auswahl so angepasst werden, damit diese geringen Anzahl von wirklich wahrgenommenen Elementen ausreicht, das Funktionieren und Zurechtkommen in der Welt zu gewährleisten. Dieses Anpassen geschieht unter der Berücksichtigung von Energiesparsamkeit und der Vermeidung der Überforderung. Es werden vom ersten Atemzug an im Gehirn Strukturen aufgebaut, die sich im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit der Welt als genug erfolgreich herausgestellt haben. Diese Filter reduzieren den Wahrnehmungüberfluss.
Menschliche Wahrnehmungseinheit wird 10 hoch 9 Sensorischen Reizen ausgesetzt

Verarbeitung und Aufnahme aller Wahrnehmungsinhalte nicht möglich. Nicht verarbeitbar.

Diese sensorischen Reize werden benutzt, um ein Konstrukt aufzubauen, mit dem sich die wahrscheinlichen Reize vorausberechnen lassen.

Als Baby ist da die Überforderung da. Das erste Jahr ist dafür da, die Filter auszubilden, die die Menge auf das Wichtige reduzieren.

Stück für Stück, (Trial and Error) (spielendes Kind, Kleinkind)

Das Gleiche passierte in der Evolution: Anpassung an eine Gehirn- und Entwicklungsstruktur, die genau das macht -> erfolgreicher Filter bilden.

Mit diesem Konstrukt soll die Zielerreichung des Menschen gewährleistet werden. Ein Modell der Welt, dessen einzige Übereinstimmung darin besteht, dass es funktioniert.

Nicht funktionierende Elemente des Konstrukts werden angepasst, das Konstrukt wird umgebaut -> Lernen

Mit einem gut funktionierenden Konstrukt wird die Welt vorausberechnet und der Mensch muss nur noch auf die sensorischen Reize reagieren, die seiner Vorausberechnung widersprechen.

Somit kommt der Mensch am Ende mit 5 sensorischen Reizen pro Sekunde zurecht

MW lernt mit der Zeit nur noch auf die zu reagieren, die eine Veränderung zum Erwarteten darstellen.

Der Normalzustand ist eine Navigation durch das eigene Konstrukt, das idealerweise so gut ist, dass es keinen Grund mehr gibt, etwas anzupassen.

Im Gehirn befinden sich durch frühere Auseinandersetzungen mit ähnlichen Situationen aufgebaute Strukturen, durch die eine Vertrautheit mit der Situation erzeugt wird, die den Arbeitsaufwand des Gehirns, sich mit der Außenwelt auseinanderzusetzen, reduziert. Das zugehörige Verhaltens- und Wahrnehmungsprogramm (einer räumlichen Situation, einer sozialen Situation, einer komplexen Abfolge von Schritten) wird abgerufen. Nur wenige Wahrnehmungsinhalte sind notwendig, um die Struktur oder das Schema abzurufen.
Die Wahrnehmungselemente der Außenwelt werden nur dann bewusst wahrgenommen und in das Modell eingebaut, falls ein Konflikt im Ablauf des Programmes oder des Modells auftaucht, der mit neuen Wahrnehmungselementen gelöst werden kann.
Ein gutes Beispiel ist hier das automatisierte Programm, das auf dem täglichen Weg zur Arbeit abläuft. Wenn nichts Besonderes passiert, findet der Weg größtenteils unbewusst statt und hinterlässt kaum Erinnerungen.


Erleben können wir das auch an uns selbst, wenn wir jemanden treffen und uns unterhalten und uns danach an Details erinnern wollen: Wie sah die Jacke aus, welche Augenfarbe, wie groß war die Nase, welche Schuhe hatte die Person an? Das alles wurde nicht bewusst wahrgenommen, trotzdem hatte man das Gefühl, eine vollständige Person vor sich zu haben. Diese war im eigenen Kopf vollständig konstruiert, von der tatsächlichen Person reichten aber wenige Wahrnehmungsinhalte, um sie als die Person zu identifizieren.
Sobald sie identifiziert war, war eine zusätzliche Wahrnehmung ihrer Details nicht mehr notwendig. Ob die Person dabei wirklich gleich aussah oder sich gleich verhalten hat, oder auch wirklcih nur das Übliche erzählt hat, spielt keine Rolle, solange die Nichtwahrnehmung dieser womöglich neuen Elemente nicht zu Konflikten und zu einem Scheitern der Programms führt.
Das merkt man selbst in verschiedensten Situationen:
1.<w:t xml:space=“preserve“>Situation: einer Person fällt nicht auf, dass die andere Person sich die Haare schneiden lassen hat, weil diese Information nicht so wichtig ist, dass sie das Konstrukt ändert.
2.<w:t xml:space=“preserve“>Zwei Menschen reden aneinander vorbei und missverstehen sich, weil sie schon zu wissen glauben, was die andere Person sagt. Gleichzeitig denken sie aber beide, dass sie sich gut verstehen.
3.<w:t>Comic einer Begegnung, bei der seltsame Dinge passieren, die aber nicht wahrgenommen werden.
4.<w:t>Aufmerksamkeit Gorilla-Experiment: Bei dem Experiment läuft im Hintergrund ein Gorilla durchs Bild, der aber nicht wahrgenommen wird, weil die Aufmerksamkeit auf dem Zählen liegt

Durch die Wiederholung von vielen ähnlichen Begegnungen und Gesprächen hat sich der Mensch für diese Situation ein Konstrukt aufgebaut, das ihm dafür die Handlungsanweisungen zur Verfügung stellt. Das Konstrukt erzeugt Erwartungen an die Welt. Der Mensch handelt und agiert in diesem selbst erzeugten Konstrukt. Solange die Erwartungen erfüllt sind und keine Widersprüche auftauchen, kann der Mensch auf die Aufnahme neuer Wahrnehmungsinhalte verzichten. Nur wenn ein Wahrnehmungsinhalt dem eigenen Konstrukt so sehr widerspricht, dass dieses in Frage gestellt werden muss, besteht die Möglichkeit, dass es umgebaut wird. Doch geschieht das nur bei starker Notwendigkeit. Mit einer einmal aufgebauten Vorstellung von der Welt ignorieren wir gerne Informationen, die diesem Konstrukt widersprechen. Das Gehirn verbraucht schon 20% der Gesamtenergie und einmal etablierte Denkweisen zu ändern ist aufwändig.
Wie ein Staubsauger, der nicht dauernd seine Programmierung anpassen will, sondern seine Welt gern in voraussehbaren Bahnen erlebt, hat er über die Jahre dieses Konstrukt so optimiert, dass Anpassungen und damit die Verarbeitung von Wahrnehmungsinhalten nicht mehr notwendig sind.
Fernsehen abends nach Plan. Episoden auf Netflix. Routinen im Alltag, nur eine geringe Abweichung erlaubt, diese ist aber notwendig.
Auch neue Erfahrungen, z. B. im Urlaub, müssen den Erwartungen meist genau entsprechen.
[Bierbeispiel einfügen]
Die im Gehirn aufgebaute Struktur repräsentiert die Außenwelt in der Form, dass sie in der schön bekannten Umgebungen und Situationen Handlungsoptionen vorgeben kann. Diese Welt wird also aufgebaut, bevor die Welt dieser Situation entspricht, damit Vorkehrungen für potentielle Reaktionen getroffen werden können. Diese Vorausberechnungen sind so genau und so konstruiert, dass Fälle, in denen die Welt nicht so reagiert, wie das Konstrukt voraussagt, minimiert werden. Für diese Funktionsweise lassen sich deutlich Beispiele finden. Eines ist die Überraschung, die man erfährt, wenn etwas nicht so schmeckt, wie man dachte, dass es schmecken sollte. Senfberliner oder schlechtes Bier
Ein anderes Beispiel ist die Erfahrung von Musik.
Diese Struktur wird, obwohl sie als Konstruktion im Kopf steckt, nach außen projiziert und als außen, als faktisch, als vollständige Wirklichkeit erlebt. Aufgabe des Gehirns ist nicht die möglichst exakte Nachbildung der Realität. Das Gehirn ist ein kognitiv in sich abgeschlossenes System, das nach selbstentwickelten und selbstgeprüften Kriterien neuronale Signale deutet und bewertet. Es kann aber keine Aussagen über deren wahrer Herkunft und Bedeutung treffen.
Unser subjektiver Eindruck, dass wir kontinuierlich in einer vollständigen, verstehbaren Wirklichkeit ohne „Löcher“ leben, kommt daher, dass diese Wirklichkeit neuronal genau so konstruiert ist, uns dieses Gefühl zu geben. Das Konstrukt wird angepasst und erweitert, wenn es Löcher in dieser Welt gibt, damit dieser Eindruck aufrechterhalten werden kann.
Jedes Gehirn ist notwendigerweise konstruktiv und aus den Bedingungen, wie Gehirne ihre Leistungen vollbringen, folgt zwangsläufig eine konstruktivistische Theorie der Wahrnehmung und der Erkenntnis.
Jeder Mensch lebt in einer Welt, die er seit seiner Geburt aufgebaut hat und bezeichnet diese als Realtität, weil sie seiner Meinung nach jeden Tag beweist, dass sie genau so ist.
Strukturdeterminismus und Systemtheorie
Strukturdeterminismus und Systemtheorie sind zentrale Bestandteile konstruktivistischen Denkens. Mit ihrer Hilfe lässt sich erklären, warum es in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen oft so schwierig ist, zu übereinstimmenden Vorstellungen zu gelangen – und warum gesellschaftliches Zusammenleben dennoch in erstaunlichem Maß funktioniert.
Wenn jede Wahrnehmung und jede Erkenntnis an die Struktur des jeweiligen Organismus gebunden ist, dann lebt jeder Mensch gewissermaßen in einer eigenen, konstruierten Wirklichkeit. Die Welt zerfällt damit nicht in eine einzige, für alle gleichermaßen zugängliche Realität, sondern in Milliarden unterschiedlicher Wirklichkeitskonstruktionen.
Trotzdem gehen die meisten Menschen im Alltag davon aus, dass sie alle in derselben objektiven Welt leben. Diese Annahme ist für das menschliche Zusammenleben von großer Bedeutung. Sie erleichtert Orientierung, schafft Stabilität und ermöglicht gemeinsames Handeln.
Damit eine solche geteilte Wirklichkeit entstehen kann, müssen Menschen ein starkes Bedürfnis danach haben, mit anderen in ihren Vorstellungen zumindest hinreichend übereinzustimmen. Dieses Bedürfnis lässt sich auch evolutionsbiologisch verstehen: In schwierigen Überlebenszusammenhängen war die Bildung sozialer Systeme nur möglich, wenn Menschen ein Mindestmaß an gemeinsamer Orientierung, gegenseitiger Erwartbarkeit und sozialer Bestätigung herstellen konnten.
Neben den individuellen Weltkonstruktionen entsteht daher eine zweite Ebene: die gesellschaftliche Ebene der Kommunikation. In ihr werden Unterschiede nicht aufgehoben, aber so verarbeitet, dass soziale Ordnung, Kooperation und gemeinsames Leben möglich werden.

Gesellschaft kann aus konstruktivistischer und systemtheoretischer Perspektive als ein Zusammenhang aus Kommunikation, geteilten Erwartungen, Verhaltensmustern und Übereinkünften verstanden werden. Das einzelne psychische System steht mit dieser gesellschaftlichen Ebene nicht direkt, sondern über Kommunikation in Verbindung.
Kommunikation umfasst dabei sowohl verbale als auch nonverbale Anteile. Damit sie funktionieren kann, müssen Äußerungen, Gesten und Handlungen in verschiedenen psychischen Systemen Reaktionen auslösen, die zumindest teilweise anschlussfähig sind. Genau daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Wie können Begriffe und Vorstellungen entstehen, die in unterschiedlichen Individuen eine ähnliche Bedeutung zu haben scheinen?
Gemeinsame Vorstellungen entstehen nicht dadurch, dass Menschen dieselbe Wirklichkeit unmittelbar erfassen. Sie entstehen vielmehr durch fortlaufende Aushandlungsprozesse zwischen psychischen Systemen und dem sozialen System. Das soziale System bildet dabei die Umwelt des einzelnen psychischen Systems.
In der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit dieser sozialen Umwelt werden Reaktionen, Erwartungen und Bedeutungen schrittweise so angepasst, dass ein hinreichendes Maß an Anschlussfähigkeit entsteht. Das soziale System perturbiert das psychische System, indem es Erwartungen, Rückmeldungen, Missverständnisse, Zustimmung oder Ablehnung erzeugt. Das psychische System reagiert darauf, indem es versucht, Widersprüche zu verringern und seine eigenen Konstruktionen so zu verändern, dass soziale Teilhabe möglich bleibt.
Dieser Vorgang lässt sich gut am Spracherwerb beobachten. Sprache entsteht nicht dadurch, dass ein Kind fertige Bedeutungen direkt übernimmt, sondern durch wiederholte Versuche, Reaktionen der Umwelt, Korrekturen, Bestätigungen und positive Verstärkung. Durch ein solches Verfahren von Versuch, Irritation, Anpassung und Stabilisierung entstehen allmählich Bedeutungen, die sozial anschlussfähig sind.

Kommunikation – und damit auch der Diskurs über Kunst, Mathematik oder andere Themen – erzeugt fortlaufend neue Theorien, Begriffe und Deutungen. Durch wiederholte Perturbationen im Austausch über bestimmte Gegenstandsbereiche können bestehende Konstruktionen auf ihre soziale Viabilität hin überprüft werden.
Eine anerkannte Theorie wird dadurch selbst Teil des sozialen Systems. Sie existiert dann nicht nur in einzelnen psychischen Systemen, sondern wirkt als kommunikativ stabilisierte Form zurück auf andere Individuen. Auf diese Weise perturbiert das soziale System die einzelnen psychischen Systeme durch bereits etablierte Begriffe, Deutungen und Erwartungen.
Viabilität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich nicht jede Deutung in jedem sozialen Kontext halten kann. Manche Sichtweisen erweisen sich im Kommunikationsprozess als anschlussfähig, andere werden zurückgewiesen, umgeformt oder als unpassend bewertet (vgl. Simon 2013, S. 71).
Die verschiedenen Vorstellungen davon, was Kunst ist – von Platon bis Beuys – haben ihren Platz im Raum der Kommunikation. Sie bestehen nicht als endgültige Wahrheiten, sondern als unterschiedliche, historisch und sozial wirksame Deutungsangebote.
Ebenso haben auch die verschiedenen Vorstellungen davon, was Mathematik ist, ihren Platz im Kommunikationsraum: vom Unverständnis über das bloße Rechnen bis hin zur Auffassung der Mathematik als eigenständigem abstrakten Universum.
Wie trotz der Trennung der einzelnen Gehirne dennoch ein Gefühl von Übereinstimmung, Verständnis und geteilter Bedeutung entstehen kann, lässt sich mit Hilfe von Systemtheorie und Kognitionswissenschaft genauer beschreiben.

Perturbationen als Kommunikation
Wie bereits im vorigen Kapitel beschrieben, reagiert das Gehirn überwiegend selbstreferentiell und nur in begrenztem Maße direkt auf äußere Reize. Reaktionen entstehen daher weniger durch die Umwelt selbst als durch die bereits vorhandene Struktur des Gehirns.
Das menschliche Gehirn hat ein starkes Interesse daran, seine aufgebaute Erlebniswelt zu stabilisieren, statt sie fortlaufend durch äußere Reize zu verändern. Dies ist nicht nur energetisch günstiger, sondern erhöht auch Orientierung und Handlungsfähigkeit. Aus der Fülle möglicher Wahrnehmungen werden deshalb bevorzugt jene Elemente ausgewählt, die zur vorhandenen Struktur passen oder diese sogar bestätigen.
Dieser Prozess einer sich selbst stabilisierenden Konstruktion, die nicht durch objektive Gegebenheiten unmittelbar bestimmt ist, entspricht dem Konzept des Strukturdeterminismus in den Kognitionswissenschaften.
Humberto Maturana und Francisco Varela, die zu den wichtigsten Vertretern dieses Ansatzes gehören, beschreiben Erkenntnis entsprechend nicht als Aufnahme äußerer Information, sondern als strukturabhängigen Prozess der Informationskonstruktion (vgl. Maturana / Varela 2009).
Nicht die Umweltreize selbst bestimmen das Verhalten eines Organismus, sondern die bereits vorhandene kognitive Struktur. Diese Struktur legt fest, was überhaupt als Information wirksam werden kann, was in das System aufgenommen wird und was für den Erhalt des Systems als passend oder viabel erscheint.
Perturbationen sind in diesem Zusammenhang keine Informationen, die von außen direkt in das System übertragen werden. Sie sind vielmehr Anlässe oder Auslöser, auf die das System gemäß seiner eigenen Struktur reagiert.
Kommunikation bedeutet daher nicht die Übertragung fertiger Inhalte von einem Gehirn in ein anderes. Kommunikation kann nur perturbieren. Was eine Äußerung, ein Zeichen oder ein Verhalten im anderen System auslöst, wird immer durch dessen eigene Struktur bestimmt.

Ein Organismus oder System dieser Art wird als autopoietisch bezeichnet – von autos (selbst) und poiein (schaffen, hervorbringen) – und zugleich als operational geschlossen (vgl. Simon 2013, S. 34).
Auch der Mensch kann in diesem Zusammenhang als ein autopoietisches System verstanden werden. Sein Nervensystem funktioniert als ein determiniertes System mit operationaler Geschlossenheit (vgl. Maturana 2012, S. 146). Das bedeutet: Nicht äußere Reize legen direkt fest, was im System geschieht, sondern die innere Struktur des Systems entscheidet, welche Einwirkungen überhaupt wirksam werden und welche Folgen sie haben (vgl. Maturana 2012, S. 185).
Autopoietische Systeme verwenden ihre jeweils vorherigen strukturellen Zustände sowie die Ergebnisse ihrer bisherigen Operationen als Grundlage für weitere Operationen. Sie entwickeln sich also aus sich selbst heraus weiter.
Äußere Einflüsse können ein solches System nicht unmittelbar steuern. Sie können es lediglich stören, anregen, irritieren oder perturbieren. Welche dieser Perturbationen im System tatsächlich wirksam werden, hängt vollständig von seinen inneren Zuständen ab.
Autopoietische Systeme sind daher nicht kausal instruierbar (vgl. Simon 2013, S. 53f.). Von außen kann nicht festgelegt werden, was genau ein System wahrnimmt, versteht oder daraus macht.
Für die Kommunikation hat dies weitreichende Folgen. Es ist grundsätzlich nie eindeutig vorhersehbar, was ein gesprochener Satz beim Gegenüber auslösen wird. Kommunikation ist unter diesen Bedingungen kein direkter Austausch fertiger Inhalte, sondern lediglich eine Anregung zur Konstruktion oder Rekonstruktion von Bedeutungen.
Dasselbe gilt auch für die Rezeption von Kunst. Ein Kunstwerk ist zunächst nur ein äußerer Reiz. Wie seine Formen, Materialien, Zeichen oder Anspielungen verarbeitet werden und welche Reaktionen sie hervorrufen, lässt sich nicht sicher voraussagen. Das Kunstwerk kann das psychische System der Betrachtenden lediglich perturbieren.
Zugleich wird auch das Kunstwerk – vermittelt über Reaktionen, Deutungen und Kommunikation – in seiner sozialen Bedeutung weiter verändert. In diesem Sinne stehen Werk und Rezeption in einem wechselseitigen Prozess von Perturbation und Rekonstruktion.

Die Systemtheorie greift die Theorie autopoietischer und selbstreferentieller Systeme auf und erweitert sie zu einer allgemeinen Theorie von Systemen. Sie bezieht sich damit nicht mehr auf einen einzelnen Gegenstandsbereich, sondern auf Systeme überhaupt – als beobachtbare und beobachtende Ordnungsgefüge.
Durch das differenzierte und leistungsfähige Nervensystem des Menschen entstehen Interaktionsbereiche, etwa in der verbalen und nonverbalen Kommunikation, in denen sich neue Phänomene durch strukturelle Koppelung herausbilden können (vgl. Maturana 2012, S. 192).
Niklas Luhmann unterscheidet in seinem Kommunikationskonzept deshalb zwischen psychischen Systemen und sozialen Systemen (vgl. Luhmann 1987). Psychische Systeme produzieren Gedanken aus Gedanken; sie bilden das innere, bewusste Erleben einzelner Menschen. Soziale Systeme dagegen produzieren Kommunikation aus Kommunikation.
Diese Unterscheidung ist zentral: Soziale Systeme bestehen nicht aus Menschen als biologischen oder psychischen Einheiten, sondern ausschließlich aus Kommunikation. Menschen sind für soziale Systeme zwar unverzichtbare Umweltbedingungen, sie sind aber nicht deren Elemente. Elemente des sozialen Systems sind allein kommunikative Ereignisse und ihre Anschlussmöglichkeiten (vgl. Luhmann 1987, S. 234).
Kommunikation ist dabei nicht auf gesprochene Sprache beschränkt. Sie umfasst grundsätzlich alles, was wahrgenommen, unterschieden und anschlussfähig weiterverarbeitet werden kann. So entsteht ein sozialer Zusammenhang, der sich aus Kommunikation selbst reproduziert.
Psychische und soziale Systeme stehen einander dabei wechselseitig als Umwelt gegenüber. Das soziale System irritiert und strukturiert die psychischen Systeme durch Kommunikation; die psychischen Systeme wiederum ermöglichen durch ihre Beteiligung das Fortbestehen sozialer Kommunikation, ohne mit ihr identisch zu sein.

Unter sozialen Systemen kann man all jene Zusammenhänge verstehen, aus denen das Phänomen Gesellschaft entsteht. Dazu gehören nicht nur die Gesellschaft als Ganzes, sondern auch kleinere soziale Einheiten und Gruppen, in denen durch Kommunikation ein eigenständiger sozialer Zusammenhang erzeugt wird.
So bildet beispielsweise auch die Kommunikation in einem Unterrichtsraum ein soziales System – ebenso die Kommunikation innerhalb einer Hausgemeinschaft, eines Sportvereins, eines Kollegiums oder einer Familie. Solche sozialen Systeme bestehen nicht isoliert nebeneinander, sondern überlappen sich, beeinflussen einander und können sich wechselseitig perturbieren.
Psychische Systeme haben dabei keinen unmittelbaren Zugang zu den Gedanken anderer psychischer Systeme. Gerade deshalb kommt der Kommunikation eine so zentrale Rolle zu: Sie stellt die Form her, in der psychische Systeme aufeinander bezogen werden können, ohne ihre operative Geschlossenheit aufzuheben.
Psychische und soziale Systeme sind aufeinander angewiesen und zugleich voneinander getrennt. Sie bilden füreinander jeweils Umwelt. Der Kommunikationsprozess im sozialen System kann das psychische System – abhängig von dessen Struktur – anregen, irritieren, verstören oder perturbieren; umgekehrt kann das psychische System nur über kommunikative Beiträge auf soziale Systeme einwirken (vgl. Simon 2013, S. 88f.).

Von Geburt an – in gewissem Maß bereits davor – ist der Mensch fortlaufend Perturbationen ausgesetzt. Das psychische System versucht dabei durch Assimilation und Akkommodation, die Irritationen im Verhältnis zu seiner Umwelt zu verarbeiten, zu reduzieren und in eine für das eigene Funktionieren tragfähige Ordnung zu überführen.
Lernen bedeutet in diesem Zusammenhang, mit den Anforderungen der Umwelt so umzugehen, dass das eigene System handlungsfähig bleibt. Das psychische System entwickelt daher fortlaufend Konstruktionen, mit deren Hilfe es sich in seiner Umwelt orientieren kann. Gelingt dies hinreichend, erweisen sich diese Konstruktionen als viabel; gelingt es nicht, entstehen Krisen, Überforderung oder ein Scheitern an bestimmten Anforderungen.
Zur Umwelt des psychischen Systems gehört nicht nur die physische Umgebung, sondern ebenso das soziale System. Dieses besteht aus bereits vorhandener Kommunikation und bildet die soziale Welt, in die der Mensch hineingeboren wird. Er wird von ihr ein Leben lang perturbiert und wirkt zugleich durch eigene kommunikative Beiträge auf sie zurück.
Auch eine Diskussion über ein einzelnes Kunstwerk oder über den Begriff der Kunst lässt sich in diesem Licht betrachten. Die an der Diskussion Beteiligten bleiben als psychische Systeme voneinander getrennt; sie haben keinen unmittelbaren Zugang zueinander, sondern können sich nur wechselseitig perturbieren. Zugleich perturbieren sie durch ihre Beiträge das soziale System der Kommunikation, das sich durch diese Beiträge weiter verändert.
Sowohl die beteiligten psychischen Systeme als auch das soziale System sind dabei autopoietisch. Welche Reaktionen entstehen, hängt deshalb nicht direkt von einem äußeren Reiz oder Argument ab, sondern von der jeweiligen inneren Struktur des Systems.

Die kollektive Konstruktion
Im radikalen Konstruktivismus geht man davon aus, dass Weltbilder im Verlauf einer Geschichte von Interaktionen mit der physischen und sozialen Umwelt geformt und aktiv konstruiert werden. Diese Konstruktion ist jedoch kein bewusster Vorgang, wie ihn etwa ein Ingenieur beim Bau einer Brücke vollzieht. Es handelt sich vielmehr um einen weitgehend unbewussten Prozess, in dem Erfahrungen miteinander in Beziehung gesetzt, geordnet und zu mehr oder weniger stabilen Mustern verbunden werden (vgl. Simon 2013, S. 68).
Systemtheoretisch lässt sich dieser Prozess folgendermaßen beschreiben: Am Anfang steht die Konfrontation eines Individuums mit einem Phänomen seiner Umwelt, das sein psychisches System perturbiert. Um mit dieser Irritation umzugehen, bildet das Individuum Handlungs- und Denkschemata aus oder verändert bereits vorhandene Schemata.
Passen neue Erfahrungen nicht zu den bisherigen Strukturen, kann es durch Akkommodation zu einer Veränderung dieser Strukturen kommen. Lassen sich die neuen Erfahrungen in vorhandene Schemata einordnen, handelt es sich um Assimilation. Auf diese Weise entstehen nach und nach Konstruktionen, mit denen das Individuum seine Umwelt viabel bewältigen kann.
Dieser Prozess bleibt jedoch nicht auf die unmittelbare Begegnung mit Phänomenen der physischen Welt beschränkt. Das Individuum wird zugleich auch durch die Kommunikation anderer über dieselben Phänomene perturbiert. Das soziale System tritt damit als zusätzliche Quelle von Irritation, Deutung und Ordnung auf.
Zur Entstehung von Theorien im sozialen System tragen psychische Systeme bei, indem sie ihre eigenen Konstruktionen mit den im Kommunikationsraum vorhandenen Ko-Konstruktionen abgleichen. Sie prüfen deren Vereinbarkeit mit dem eigenen Erleben, entwickeln sie durch weitere Perturbationen weiter oder übernehmen sie in veränderter Form, sofern diese Konstruktionen ihnen hinreichend ähnlich erscheinen und sich als ausreichend viabel erweisen.
Auf diese Weise entstehen kollektive Konstruktionen: nicht als identische Inhalte in allen Köpfen, sondern als hinreichend ähnliche und sozial anschlussfähige Deutungen.
Auch interne Überlegungen können ein Konstrukt verändern. Erkenntnis vollzieht sich nicht nur im Austausch mit der Umwelt, sondern ebenso in inneren Reorganisationsprozessen, die zum Lernen wesentlich dazugehören.
Der Anpassungsdruck, der durch inviable Vorstellungen entsteht, kann allerdings auch dadurch gemildert werden, dass die Auseinandersetzung mit dem sozialen System reduziert wird. Ein Thema wird dann beispielsweise vermieden, nicht angesprochen oder aus dem Kommunikationsraum ausgeblendet.

Wie alle anderen kommunikativen Inhalte ist auch eine Theorie über Kunst oder über ein einzelnes Kunstwerk ein Beitrag zur Kommunikation und damit ein konstituierendes Element des sozialen Systems (vgl. Luhmann 1987, S. 237).
Solche Beiträge müssen sich im autopoietischen sozialen System bewähren, indem sie kommunikativ aufgegriffen, weitergeführt und aufrechterhalten werden. Nur dann bleiben sie im sozialen System wirksam. Was nicht anschlussfähig ist, verschwindet oder bleibt randständig.
Die einzelnen psychischen Systeme werden durch diese kommunikativen Elemente perturbiert. Im günstigen Fall führt dies dazu, dass sich ihre inneren Konstruktionen so verändern, dass der durch Widerspruch, Unklarheit oder Irritation entstehende Energieaufwand verringert wird (vgl. Simon 2013, S. 88). Das kann bedeuten, dass eine bisherige Vorstellung durch Akkommodation angepasst wird, bis sie im jeweiligen Zusammenhang wieder als viabel erlebt wird.
Auf diese Weise kann im Individuum das Gefühl entstehen, mit dem Gegenüber übereinzustimmen – oder zumindest zu verstehen, worin und warum die Meinungsverschiedenheit besteht. Auch Dissens kann also sozial und psychisch in eine tragfähige Form überführt werden.
Systemtheoretisch bedeutet dies: Die Perturbation des sozialen Systems durch ein psychisches System führt zu einer Re-Perturbation anderer psychischer Systeme. Diese verarbeiten die Irritation gemäß ihrer eigenen Struktur und können daraus Zustimmung, Ablehnung, Umdeutung oder ein Gefühl von Verständigung entwickeln.
Umgekehrt kann jedes psychische System das soziale System weiterhin perturbieren, indem es neue, überraschende oder irritierende Kommunikationsinhalte hervorbringt. Kommunikation bleibt damit ein fortlaufender Prozess wechselseitiger Perturbation und Rekonstruktion.

Der Mensch als psychisches System ist in hohem Maß darauf angewiesen, Irritationen im Umgang mit anderen zu verringern und ein Gefühl von Verständnis, Orientierung und sozialer Anschlussfähigkeit zu gewinnen. Das Bedürfnis, andere zu verstehen und selbst verstanden zu werden, gehört zu den grundlegenden Bedingungen sozialen Zusammenlebens.
Dies führt dazu, dass die eigene Konstruktion von Wirklichkeit fortlaufend an den Reaktionen des sozialen Systems überprüft wird. Durch Perturbationen in der Kommunikation werden Widersprüche sichtbar, die das psychische System dazu veranlassen können, seine bisherigen Konstruktionen zu verändern oder neu zu ordnen, bis die entstehende Irritation auf ein erträgliches Maß absinkt.
Dieser Vorgang ist für den einzelnen Menschen von großer Bedeutung. Er dient nicht nur der Orientierung, sondern auch der Sicherung sozialer Zugehörigkeit.
Um soziale Isolation zu vermeiden, richten Menschen ihre Vorstellungen in gewissem Maß an den Meinungen und Reaktionen anderer aus, die sie im unmittelbaren Kontakt oder vermittelt über Medien wahrnehmen. Dabei versuchen sie, Modelle anderer psychischer Systeme nachzukonstruieren. Auf diese Weise wird ein gewisses wechselseitiges Verstehen möglich – nicht durch unmittelbaren Zugang zum Inneren des anderen, sondern durch strukturelle Ähnlichkeit und anschlussfähige Rekonstruktion.
Gerade diese Möglichkeit, Unterschiede nicht aufzuheben, aber dennoch hinreichend verstehbar zu machen, ist eine wesentliche Voraussetzung für funktionierendes Zusammenleben.

Der Vorgang, bei dem bestehende Konstruktionen verändert, erweitert oder neu geordnet werden, kann als Lernen verstanden werden. Lernen ist in diesem Sinn keine bloße Ansammlung von Informationen, sondern eine Reorganisation von Deutungs- und Handlungsschemata unter dem Einfluss von Perturbationen.
Die Reaktionen auf eigene Handlungen und auf die Rückmeldungen der Umwelt können dazu beitragen, die Schnittmenge zwischen den eigenen Konstruktionen und den Reaktionen anderer zu vergrößern (vgl. hierzu auch das Beispiel des Physikstudiums bei Glasersfeld 1996, S. 356f.). Auf diese Weise werden Vorstellungen laufend abgeglichen, überprüft und – wenn nötig – verändert.
Diese Prozesse finden ununterbrochen statt: bei jedem Menschen, vom Zeitpunkt der Geburt bis zum Tod, über Jahre und Jahrzehnte hinweg, in zahllosen Wiederholungen. Sie bilden die Grundlage für jene kollektiven Konstruktionen, die im Alltag als objektive Wirklichkeit erscheinen und gesellschaftliches Zusammenleben trotz der grundlegenden Grenzen gegenseitigen Verstehens ermöglichen.
In diesem Zusammenhang gilt: Wirklich ist das, was in einem sozialen Zusammenhang als wirklich behandelt und aufrechterhalten wird.
Auch Schule lässt sich aus dieser Perspektive verstehen. Ihr offizieller Zweck besteht wesentlich darin, bestehende Konstruktionen zu erweitern, zu verändern und sozial anschlussfähige Formen des Denkens auszubilden. Sie ist damit ein institutionalisierter Ort der Konstruktionsveränderung.
Auffällig ist jedoch, dass diese Form der Veränderung im Erwachsenenalter oft nicht mehr in gleicher Weise positiv bewertet wird. Häufig tritt dann an die Stelle der Offenheit für Rekonstruktion das Bedürfnis, bereits bestehende Konstruktionen zu stabilisieren und zu verteidigen.

Insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften wird großer Wert darauf gelegt, irritierende Kommunikationsinhalte systematisch zu prüfen, Widersprüche sichtbar zu machen und dadurch die Ähnlichkeit der Konstruktionen innerhalb des jeweiligen sozialen Systems zu erhöhen. Auf diese Weise entstehen kollektive Konstruktionen, deren Überprüfung im sozialen System der Naturwissenschaften besonders differenziert und kleinteilig erfolgen kann.
Das wissenschaftstheoretische Bewusstsein, dass Theorien nur falsifiziert, aber niemals endgültig verifiziert werden können, weist in eine ähnliche Richtung wie der Konstruktivismus. Auch hier wird deutlich, dass sich wissenschaftliche Erkenntnis nicht auf eine gesicherte objektive Wahrheit stützen kann. Popper deutete den Prozess der Falsifikation zwar als Annäherung an eine objektive Wahrheit; ob eine solche Annäherung tatsächlich stattfindet, lässt sich jedoch nicht entscheiden.
Aus konstruktivistischer Perspektive können naturwissenschaftliche Theorien daher nicht als sichere Abbilder einer objektiven Welt verstanden werden, sondern als besonders sorgfältig geprüfte, sozial stabilisierte und in vielen Zusammenhängen hoch viabele Konstruktionen. Ihre Stärke liegt nicht in letzter Gewissheit, sondern in ihrer Widerspruchsempfindlichkeit, ihrer Überprüfbarkeit und ihrer prognostischen Brauchbarkeit.

Im Kontext des Mathematiklernens lässt sich der konstruktivistische Vorgang besonders anschaulich beschreiben. Psychische Systeme überprüfen ihre eigenen mathematischen Konstruktionen anhand der Ergebnisse sowie im Abgleich mit den Ko-Konstruktionen des sozialen Systems der Kommunikation. Mathematische Elemente wie Ergebnisse, Antworten, Erklärungen und Strukturen sind – wie alle anderen kommunikativen Inhalte auch – Beiträge zur Kommunikation.
Diese kommunikativen Beiträge perturbieren die beteiligten psychischen Systeme. Im günstigen Fall führt dies dazu, dass zugrunde liegende mathematische Konstruktionen so verändert werden, dass der durch Widerspruch oder Fehler entstehende Aufwand sinkt. Ein falsches Ergebnis kann somit Anlass dafür sein, eine bisherige Konstruktion zu überarbeiten, bis sie sich im gegebenen Zusammenhang als viabel erweist – also zu tragfähigen und wiederholbar richtigen Ergebnissen führt.
Systemtheoretisch betrachtet führt die Perturbation des sozialen Systems durch einen mathematischen Beitrag zu einer Re-Perturbation psychischer Systeme. Diese verarbeiten die Rückmeldung gemäß ihrer eigenen Struktur und können daraus die Einsicht gewinnen, dass eine Konstruktion angepasst werden muss. Lernen beruht hier nicht auf der Übertragung fertiger Inhalte, sondern auf wiederholter Perturbation, Rekonstruktion und Stabilisierung viabler Strukturen.

Im alltäglichen Zusammenleben lernt der Mensch weit mehr, mit unterschiedlichen Weltkonstruktionen umzugehen und die daraus entstehenden Widersprüche möglichst energiesparend zu verarbeiten, als er es in expliziten Theorien je formulieren könnte.
Wenn die Möglichkeit besteht, dem Gegenüber eine ähnliche Sicht auf die Welt zu unterstellen wie sich selbst, wird diese Annahme meist bevorzugt. Solange Reaktionen so interpretiert werden können, dass sie die eigene Konstruktion nicht grundsätzlich in Frage stellen, bleibt man in der Regel bei dieser Vorstellung. Das Gehirn entscheidet dabei häufig nicht nach Wahrheit, sondern nach dem, was mit dem geringeren Aufwand an Irritation, Unsicherheit und Umstrukturierung verbunden ist.
Deshalb wird ein Leben innerhalb stabiler, wenn auch problematischer Deutungen nicht selten einem Leben im offenen Widerspruch zum sozialen Umfeld oder zum eigenen Selbstbild vorgezogen. Auch eine Illusion oder Selbsttäuschung kann unter diesen Bedingungen funktional werden, wenn sie hilft, innere und soziale Spannungen zu reduzieren.
Die kollektive Konstruktion von Wirklichkeit lässt es daher oft wichtiger erscheinen, mit den Deutungen des eigenen Umfelds übereinzustimmen, als alternative Möglichkeiten ernsthaft zu prüfen. Unterschiedliche kollektive Systeme erzeugen auf diese Weise auch unterschiedliche ko-konstruierte Vorstellungen davon, was einzelne Begriffe bedeuten und was als wirklich gilt.
Wirklich ist in diesem Sinne jeweils das, was von einer hinreichend großen Gruppe von Menschen als wirklich behandelt, kommuniziert und aufrechterhalten wird.

Verlässt ein Individuum seine gewohnte kommunikative Umgebung und wird mit sozialen Systemen konfrontiert, deren Angleichungsprozesse sich auf andere Konstruktionen geeinigt haben, entsteht eine besondere Herausforderung. Die jeweils gebildeten Schnittmengen können sich zwischen verschiedenen Kommunikationssystemen deutlich unterscheiden.
Gerade bei Themen wie Kunst, Religion, Politik oder Lebensführung trifft man auf sehr unterschiedliche Vorstellungen, die in den jeweiligen sozialen Zusammenhängen als viabel gelten. Was in einem System als selbstverständlich, sinnvoll oder wertvoll erscheint, kann in einem anderen als unverständlich, überflüssig oder sogar irritierend erlebt werden. So kann Kunst für manche Menschen etwas Unzugängliches oder Nutzloses darstellen, während sie für andere zu den wichtigsten Formen der Welterfahrung gehört.
Solche Unterschiede zeigen, dass Viabilität immer auch kontextabhängig ist. Konstruktionen bewähren sich nicht allgemein und ein für alle Mal, sondern innerhalb bestimmter sozialer Zusammenhänge, in denen sie kommunikativ aufrechterhalten werden.
Daneben gibt es auch Menschen, für die gerade die von ihnen ausgelöste Irritation ein stabilisierender Bestandteil ihrer Identität ist. Für sie kann es funktional sein, sich als Außenseiter, als Gegenposition oder als Teil einer besonderen Gruppe zu erleben. Die bewusste Distanz zu verbreiteten Konstruktionen wird dann selbst zu einer viablen Form der Selbststabilisierung.
Auch starke Abweichung, Provokation oder demonstrative Nicht-Übereinstimmung sind damit nicht einfach nur Störungen sozialer Ordnung, sondern können aus Sicht des jeweiligen psychischen Systems eine energiesparende und identitätssichernde Funktion übernehmen.

Verlässt ein Individuum seine gewohnte kommunikative Umgebung und wird mit sozialen Systemen konfrontiert, deren Angleichungsprozesse sich auf andere Konstruktionen geeinigt haben, entsteht eine besondere Herausforderung. In diesem neuen Umfeld können sich die gebildeten Schnittmengen deutlich von den eigenen unterscheiden.
Diese Differenz erzeugt einen Anpassungsdruck: Das eigene Konstrukt muss so weit verändert oder erweitert werden, dass ein Umgang mit der neuen Situation möglich wird. Der Mensch ist damit gezwungen, neue Deutungs- und Handlungsmöglichkeiten auszubilden oder bereits vorhandene zu reorganisieren.
Wenn dieser Lernprozess gelingt, erweitert das Individuum seine Handlungs- und Denkmöglichkeiten. Es kann dann mit einer größeren Vielfalt von Wirklichkeitskonstruktionen umgehen, ohne sofort an ihnen zu scheitern oder sie vollständig abwehren zu müssen.
Das ist einer der entscheidenden produktiven Aspekte von Irritation: Sie destabilisiert nicht nur, sondern kann auch zu einer Vergrößerung der eigenen Welt- und Handlungsmöglichkeiten führen.
Konstruktivismus im Alltag
Die konstruktivistische Sichtweise ist nicht nur eine Theorie der Wahrnehmung und Erkenntnis. Nimmt man sie ernst, verändert sie auch den Blick auf das alltägliche Zusammenleben. Wenn Menschen ihre Wirklichkeit nicht entdecken, sondern konstruieren, dann erscheinen Missverständnisse, Konflikte und gesellschaftliche Spaltungen in einem anderen Licht. Der andere ist dann nicht einfach irrational, böswillig oder blind gegenüber der Wahrheit, sondern handelt aus einer anderen, für ihn viablen Konstruktion von Wirklichkeit heraus. Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen für den Umgang mit Differenz, für Kommunikation und für die Frage, wie gemeinsames Leben trotz unvereinbarer Perspektiven möglich ist.
Unterschiedliche Wirklichkeiten im Zusammenleben
Wenn Wahrnehmung nicht die Abbildung einer objektiven Außenwelt ist, sondern die Konstruktion einer für den Organismus viablen Wirklichkeit, dann folgt daraus, dass Menschen nicht einfach in derselben Welt leben. Sie bewegen sich vielmehr in Wirklichkeiten, die sie auf der Grundlage ihrer biologischen Voraussetzungen, ihrer bisherigen Erfahrungen, ihrer sozialen Umwelt und ihrer bereits aufgebauten Denkschemata konstruieren. Diese Wirklichkeiten können sich überschneiden, sie sind aber nie vollständig identisch.
Im Alltag wird diese Differenz meist nicht ständig bemerkt. Das liegt unter anderem daran, dass menschliches Zusammenleben nicht voraussetzt, dass zwei Menschen exakt dasselbe sehen, denken oder meinen. Es genügt oft schon, dass ihre Reaktionen hinreichend anschlussfähig sind. Kommunikation, Gewöhnung, geteilte Lebensformen und wiederkehrende soziale Situationen erzeugen Schnittmengen, die groß genug sind, um Kooperation, Sprache, Beziehungen und gesellschaftliche Ordnung zu ermöglichen. Der Eindruck, man habe sich verstanden, entsteht daher häufig bereits dann, wenn ein Austausch praktisch funktioniert, nicht erst dann, wenn tatsächlich dieselben inneren Konstruktionen vorliegen.
Hinzu kommt, dass Menschen nicht nur in unterschiedlichen Wirklichkeiten leben, sondern auch mit Wahrnehmungsfiltern operieren, die bestimmte Aspekte der Welt hervorheben und andere ausblenden. Wer etwa davon ausgeht, dass die Welt ihm feindlich gesinnt ist, wird besonders leicht Hinweise wahrnehmen, die diese Sichtweise bestätigen. Wer anderen Menschen grundsätzlich vertraut, wird andere Signale stärker gewichten. Die je eigene Konstruktion der Wirklichkeit trägt also dazu bei, sich selbst immer wieder zu bestätigen. Auf diese Weise stabilisieren sich Weltbilder oft über lange Zeiträume, auch dann, wenn andere Menschen dieselben Situationen ganz anders deuten.
Gerade deshalb ist das Bewusstsein für die Unterschiedlichkeit menschlicher Wirklichkeitskonstruktionen eine wichtige Voraussetzung für ein reflektierteres Zusammenleben. Wer davon ausgeht, dass die eigene Sicht auf die Welt nicht die einzig mögliche ist, kann die Perspektiven anderer eher als eigenständige, aus ihrer jeweiligen Struktur hervorgehende Konstruktionen verstehen. Das bedeutet nicht, jede Deutung unkritisch zu übernehmen. Es bedeutet aber, Differenz nicht sofort als Irrtum, Bosheit oder Unvernunft zu behandeln. Der konstruktivistische Blick macht damit verständlich, warum Zusammenleben trotz tiefgreifender Unterschiede möglich ist, und zugleich, warum dieses Zusammenleben immer störanfällig bleibt.
Damit wird Verschiedenheit nicht zu einem Randphänomen des Sozialen, sondern zu seiner Grundbedingung. Menschen leben miteinander, obwohl sie die Welt nicht auf dieselbe Weise konstruieren. Der Alltag gelingt also nicht deshalb, weil Menschen in derselben Wirklichkeit leben, sondern weil ihre unterschiedlichen Wirklichkeiten oft gerade weit genug ineinandergreifen, um Verständigung, Kooperation und soziale Ordnung zu ermöglichen.

Warum Widerspruch als Bedrohung erlebt wird
Wenn Menschen ihre Wirklichkeit nicht einfach vorfinden, sondern sie im Laufe ihres Lebens aufbauen, dann sind diese Konstruktionen weit mehr als bloße Meinungen. Sie geben Orientierung, erzeugen Vorhersagbarkeit und tragen dazu bei, dass das eigene Handeln in der Welt als sinnvoll und stabil erlebt werden kann. Weltkonstruktionen stützen damit nicht nur Erkenntnis, sondern auch Identität, Zugehörigkeit und das Gefühl von Sicherheit. Wird eine solche Konstruktion in Frage gestellt, ist deshalb nicht nur ein einzelner Gedanke betroffen. Mitunter gerät das gesamte Gefüge ins Wanken, in dem sich ein Mensch bisher zurechtgefunden hat.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Widerspruch häufig nicht als sachliche Differenz, sondern als Angriff erlebt wird. Wer die eigene Sicht auf die Welt mit Wahrheit gleichsetzt, erlebt eine abweichende Perspektive leicht als Bedrohung des eigenen Weltverhältnisses. Besonders deutlich zeigt sich dies dort, wo nicht nur einzelne Überzeugungen, sondern der Wahrheitsbegriff selbst in Frage steht. Die Vorstellung, es könne keine objektiv zugängliche, für alle gleichermaßen verfügbare Wahrheit geben, entzieht vielen Menschen den Boden, auf dem sie ihre Selbstgewissheit aufgebaut haben. Was als erkenntnistheoretische Einsicht formuliert werden kann, wird auf der Ebene des Erlebens leicht zu Verunsicherung, Kontrollverlust oder sogar Angst.
Hinzu kommt, dass Veränderung für psychische Systeme nicht neutral ist. Der Umbau vorhandener Konstruktionen kostet Energie. Er verlangt, Gewohntes zu relativieren, Widersprüche auszuhalten und neue Ordnungen aufzubauen. Aus konstruktivistischer Sicht ist es daher nicht überraschend, dass Menschen bevorzugt an dem festhalten, was sich für sie bereits bewährt hat. Eine viabel gewordene Weltkonstruktion wird nicht ohne Not aufgegeben. Selbst dann, wenn alternative Sichtweisen in sich plausibel erscheinen, kann es subjektiv sinnvoller sein, bei der bisherigen Konstruktion zu bleiben, weil sie Stabilität verspricht und den Aufwand der Umstrukturierung vermeidet.
Im Alltag zeigt sich dies nicht selten in der stillen oder offenen Tendenz, nicht nur recht haben zu wollen, sondern vor allem recht behalten zu müssen.
Zu dieser energetischen Trägheit tritt ein sozialer Aspekt hinzu. Menschen sind auf Zugehörigkeit angewiesen. Die Übereinstimmung mit relevanten Gruppen ist nicht nur angenehm, sondern psychisch von erheblicher Bedeutung. Wer grundlegende Deutungen der Wirklichkeit verändert, riskiert nicht selten Spannungen mit dem sozialen Umfeld, mit vertrauten Selbstverständlichkeiten oder mit dem eigenen Selbstbild. Auch deshalb wird an Weltbildern festgehalten. Nicht nur, weil sie „wahr“ erscheinen, sondern weil sie Eingebundensein, Vorhersagbarkeit und Handlungsfähigkeit sichern.
Die oft zu beobachtende Härte, mit der Menschen an ihren Überzeugungen festhalten, muss deshalb nicht vorschnell als bloße Unvernunft verstanden werden. Häufig handelt es sich um eine Form der Selbststabilisierung. Das gilt auch für die Ablehnung des Konstruktivismus selbst. Wer in ihm nur den Verlust von Wahrheit, Sicherheit und Eindeutigkeit erkennt, erlebt ihn leicht als Zumutung. Der Widerstand gegen andere Sichtweisen ist damit nicht nur ein intellektuelles Problem, sondern immer auch ein emotionales und existenzielles. Gerade darin liegt eine seiner wichtigsten alltagspraktischen Konsequenzen: Wer verstehen will, warum Menschen sich gegen neue Perspektiven sperren, muss berücksichtigen, dass Widerspruch Energie kostet und tief in das Bedürfnis nach Sicherheit eingreift.

Missverständnis, Empörung und Konflikt
Wenn Menschen in unterschiedlich konstruierten Wirklichkeiten leben und Widerspruch zudem als Bedrohung erlebt werden kann, dann wird verständlich, warum Missverständnisse, Empörung und Konflikte zum Alltag sozialer Wirklichkeit gehören. Viele Auseinandersetzungen entstehen nicht in erster Linie deshalb, weil Menschen absichtlich verletzen, täuschen oder zerstören wollen, sondern weil sie von Voraussetzungen ausgehen, die ihnen selbst so selbstverständlich erscheinen, dass sie gar nicht mehr als Konstruktionen wahrgenommen werden. Die eigene Sicht wird dann nicht als eine mögliche Sicht unter anderen erlebt, sondern als vernünftige, naheliegende oder sogar einzig richtige Beschreibung der Wirklichkeit.
Gerade darin liegt ein zentrales Problem des Zusammenlebens. Wer seine eigene Wirklichkeitskonstruktion für objektiv hält, muss abweichende Konstruktionen fast zwangsläufig als Irrtum, Unvernunft oder bösen Willen deuten. Das Verhalten anderer erscheint dann nicht bloß anders, sondern falsch. Ihre Aussagen wirken nicht wie Ausdruck einer anderen Erfahrungsordnung, sondern wie Zeichen mangelnder Einsicht, fehlender Moral oder bewusster Verweigerung. Auf diese Weise werden Differenzen schnell moralisch aufgeladen. Was zunächst als Verschiedenheit von Wahrnehmung, Deutung oder Bewertung beginnt, verwandelt sich in Empörung, Abwertung und Konflikt.
Dies zeigt sich in kleinen wie in großen sozialen Zusammenhängen. In Beziehungen, Familien, Nachbarschaften oder Arbeitskontexten entstehen Missverständnisse häufig daraus, dass Menschen dieselbe Situation mit unterschiedlichen Vorerfahrungen, Erwartungen und impliziten Bedeutungen verbinden. Was für die eine Person als Sorge gemeint ist, erscheint der anderen als Kontrolle. Was die eine als Offenheit erlebt, empfindet die andere als Zumutung. Was für die eine selbstverständlich ist, ist für die andere unverständlich oder verletzend. Solche Konflikte lassen sich oft nicht dadurch erklären, dass eine Seite „recht“ und die andere „unrecht“ hätte. Vielmehr kollidieren unterschiedliche Konstruktionen von Situation, Bedeutung und Angemessenheit.
Auf gesellschaftlicher Ebene verstärkt sich dieses Problem noch. Politische Debatten, kulturelle Auseinandersetzungen und öffentliche Empörung sind häufig Ausdruck miteinander konkurrierender Wirklichkeitskonstruktionen, die sich nicht mehr als perspektivische Deutungen erkennen, sondern einander den Status von Realität oder Legitimität absprechen. Wo diese gegenseitige Aberkennung einsetzt, verliert Kommunikation ihre erkundende Funktion. Sie dient dann nicht mehr dazu, andere Konstruktionen zu verstehen oder an ihnen zu lernen, sondern dazu, die eigene Wirklichkeit gegen fremde Wirklichkeiten zu verteidigen. Polarisierung ist in diesem Sinne nicht einfach ein Mangel an Information, sondern häufig die Folge eines sozialen Umgangs mit Differenz, der auf Identitätssicherung statt auf Verstehensarbeit beruht.
Der konstruktivistische Blick verschiebt hier die Fragestellung. Entscheidend ist nicht mehr zuerst, welche der beteiligten Personen „wirklich recht“ hat, sondern aus welcher Wirklichkeitskonstruktion heraus eine Aussage, ein Verhalten oder eine Reaktion für den jeweiligen Menschen sinnvoll wird. Diese Verschiebung löst Konflikte nicht automatisch auf. Sie verhindert auch nicht, dass man bestimmte Positionen kritisiert oder zurückweist. Sie eröffnet jedoch die Möglichkeit, das Zustandekommen von Konflikten genauer zu verstehen. Missverständnisse erscheinen dann nicht mehr bloß als Defizite einzelner Personen, sondern als Folge der Tatsache, dass Menschen aus unterschiedlichen inneren Ordnungen heraus miteinander in Beziehung treten.
Darin liegt eine wichtige praktische Konsequenz. Wer aufhört, andere sofort von der eigenen Wahrheit überzeugen zu wollen, kann beginnen zu fragen, wie die Wirklichkeit des anderen aufgebaut ist und warum sie für ihn oder sie viabel geworden ist. Erst von dort aus wird Verständigung überhaupt wahrscheinlicher. Der Konstruktivismus fordert damit nicht zur Beliebigkeit auf, sondern zu einer präziseren Form des Verstehens. Konflikte verschwinden nicht, aber sie werden weniger vorschnell personalisiert oder moralisiert. Das ist keine Garantie für Einigung, wohl aber eine Voraussetzung dafür, dass Differenz nicht notwendig in Feindseligkeit umschlagen muss.

Lernen durch Differenz: Die Erweiterung der Welt
Die Begegnung mit anderen Wirklichkeitskonstruktionen muss nicht nur als Bedrohung erfahren werden. Sie kann auch der Ausgangspunkt eines Lernprozesses sein. Wenn ein Mensch mit einer Perspektive konfrontiert wird, die sich nicht ohne Weiteres in die eigene Ordnung einfügen lässt, entsteht zunächst Irritation. Diese Irritation kann abgewehrt, abgewertet oder übergangen werden. Sie kann aber auch dazu führen, dass die eigene Konstruktion verändert, erweitert oder neu organisiert wird. In diesem Sinne ist Differenz nicht nur eine Quelle von Konflikt, sondern auch eine Bedingung von Lernen.
Lernen ist dabei nicht auf schulische Situationen beschränkt. Im konstruktivistischen Zusammenhang bezeichnet Lernen grundsätzlich jede Veränderung der inneren Struktur, durch die ein psychisches System anders auf die Welt reagieren kann als zuvor. Neue Erfahrungen, fremde Perspektiven, unerwartete Reaktionen anderer Menschen oder Widersprüche im eigenen Denken können Anlass dafür sein, bestehende Konstruktionen zu überprüfen und umzubauen. Lernen bedeutet dann nicht, eine objektive Wahrheit zu übernehmen, sondern die eigene Wirklichkeitskonstruktion so zu verändern, dass sie in weiteren Hinsichten tragfähig wird.
Gerade in der Konfrontation mit Fremdheit zeigt sich das produktive Potenzial solcher Prozesse. Wer mit einer anderen Lebensweise, einer ungewohnten Deutung oder einer irritierenden Sicht auf die Welt in Berührung kommt, erlebt zunächst oft Verunsicherung. Gelingt es jedoch, diese Irritation nicht sofort abzuwehren, kann daraus eine Erweiterung der eigenen Denk- und Handlungsmöglichkeiten entstehen. Man lernt dann nicht nur etwas über einen bestimmten Gegenstand, sondern verändert die eigene Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen, Ambiguität auszuhalten und mit Komplexität umzugehen. Die eigene Welt wird dadurch nicht zerstört, sondern reicher, beweglicher und in vielen Fällen belastbarer.
In diesem Sinn ist Lernen eine Form der Anpassung, die nicht in bloßer Unterwerfung unter äußere Verhältnisse besteht, sondern in der Vermehrung innerer Möglichkeiten. Wer anders denken kann, kann auch anders handeln. Wer mehr Perspektiven in die eigene Orientierung einbeziehen kann, ist weniger auf starre Eindeutigkeiten angewiesen. Die Erweiterung der Denkmöglichkeiten erhöht damit auch die Chance, in neuen oder schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Eine veränderte Konstruktion ist nicht deshalb wertvoll, weil sie einer objektiven Wahrheit näherkommt, sondern weil sie dem System neue viable Formen des Umgangs mit der Welt eröffnet.
Hier zeigt sich auch, warum Differenz nicht nur ein Problem, sondern eine Ressource sein kann. Andere Menschen, andere Lebensformen, andere kulturelle Deutungen oder andere ästhetische Erfahrungen stellen Möglichkeiten bereit, über die Grenzen der eigenen bisherigen Konstruktion hinauszugelangen. Gerade Kunst kann dafür ein prägnantes Beispiel sein. Sie macht erfahrbar, dass Wirklichkeit auch anders geordnet, gesehen und empfunden werden kann. Die Auseinandersetzung mit ihr baut in jedem Menschen andere Konstruktionen auf. Eben darin liegt ein Teil ihres besonderen Werts: Sie eröffnet Perspektiven, ohne eine einzige verbindliche Deutung erzwingen zu können.
Die Begegnung mit Differenz ist daher ambivalent. Sie kann Angst auslösen, aber auch Entwicklung ermöglichen. Ob sie zur Bedrohung oder zur Lernchance wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob ein Mensch die entstehende Irritation in einer Weise verarbeiten kann, die nicht zur bloßen Verteidigung des Bestehenden zwingt. Wo dies gelingt, wird die Veränderung der eigenen Konstruktion zu einer Erweiterung der eigenen Welt. Lernen wäre dann nicht die Korrektur eines Fehlers im Verhältnis zu einer absoluten Wahrheit, sondern die Gewinnung zusätzlicher Möglichkeiten, Wirklichkeit zu deuten und in ihr zu handeln.

Erklären ohne Gewissheit
Was Vermittlung unter konstruktivistischen Bedingungen bedeutet
Wenn Menschen ihre Wirklichkeit nicht unmittelbar austauschen und einander keine fertigen Inhalte in den Kopf übertragen können, dann muss auch Vermittlung anders verstanden werden, als es in vielen traditionellen Vorstellungen von Lehren und Erklären geschieht. Unter konstruktivistischen Bedingungen bedeutet Erklären nicht, Wissen von einem Kopf in einen anderen zu transportieren. Kommunikation kann psychische Systeme nicht direkt instruieren. Sie kann nur Reize setzen, Unterschiede markieren, Fragen aufwerfen, Anschlussmöglichkeiten eröffnen und dadurch Prozesse der Rekonstruktion anregen. Ob und wie diese Anregungen wirksam werden, hängt von der Struktur des jeweiligen Gegenübers ab.
Damit verschiebt sich die Aufgabe der Vermittlung grundlegend. Wer etwas erklären will, muss nicht in erster Linie fragen, wie ein Inhalt möglichst vollständig ausgesendet werden kann, sondern woran das Gegenüber überhaupt anschließen kann. Verstehen entsteht nicht durch die bloße Klarheit einer Darstellung, sondern dadurch, dass das Gesagte in der inneren Struktur des anderen auf eine Weise verarbeitet werden kann, die neue Ordnung ermöglicht. Vermittlung ist deshalb immer auch ein tastender Vorgang. Sie verlangt Aufmerksamkeit für Reaktionen, Missverständnisse, Widerstände und Überforderungen. Nicht nur der Inhalt des Gesagten ist entscheidend, sondern auch der Zeitpunkt, die Form, die Beziehung und die Frage, ob die entstehende Irritation für das Gegenüber überhaupt bearbeitbar ist.
Aus dieser Perspektive wird deutlich, warum Begleitung oft treffender ist als Belehrung. Wer begleitet, setzt nicht voraus, dass Lernen durch Übertragung gesichert werden kann. Begleitung bedeutet vielmehr, Prozesse zu ermöglichen, in denen ein anderer Mensch seine eigenen Konstruktionen prüfen, differenzieren und erweitern kann. Dazu gehört, an vorhandene Vorstellungen anzuknüpfen, Fragen ernst zu nehmen, Reaktionen wahrzunehmen und Irritation so zu dosieren, dass sie nicht in Abwehr oder Rückzug umschlägt. Vermittlung wäre dann nicht das Einpflanzen richtiger Inhalte, sondern das Schaffen von Bedingungen, unter denen Rekonstruktion möglich wird.
Diese Einsicht hat weitreichende Folgen für pädagogische Zusammenhänge, aber nicht nur für diese. Sie betrifft Schule, Hochschule, Beratung, Elternschaft, Partnerschaft und jede Situation, in der ein Mensch versucht, einem anderen etwas verständlich zu machen. Wer unter konstruktivistischen Bedingungen erklärt, muss akzeptieren, dass Verstehen nicht erzwungen werden kann. Man kann ein Angebot machen, eine Struktur sichtbar machen, einen Gedanken präzise formulieren oder eine Aufgabe so gestalten, dass sie produktive Irritation erzeugt. Aber ob daraus Einsicht entsteht, entscheidet sich nicht im Sprecher, sondern im psychischen System des Gegenübers. Genau darin liegt die Grenze jeder Vermittlung und zugleich ihre eigentliche Kunst.
Für pädagogische Institutionen bedeutet dies, dass Lernen nicht primär als Übernahme vorgefertigter Wahrheiten organisiert werden sollte. Unterricht wäre dann weniger die kontrollierte Einspeisung von Inhalten als die Gestaltung von Situationen, in denen Ko-Konstruktion möglich wird. Lehrende würden nicht vor allem als Autoritäten auftreten, die über richtig und falsch verfügen, sondern als Personen, die Lernprozesse strukturieren, Resonanzräume schaffen und an geeigneten Stellen irritieren, ohne zu überfordern. Der Wert einer Erklärung läge nicht darin, dass sie vollständig ist, sondern darin, dass sie anschlussfähig ist und neue Denkmöglichkeiten eröffnet.
Damit wird Vermittlung weder beliebig noch beliebig weich. Gerade weil Verstehen nicht direkt herstellbar ist, erfordert gutes Erklären ein hohes Maß an Präzision, Aufmerksamkeit und Verantwortung. Wer etwas verständlich machen will, muss genauer beobachten, was beim anderen tatsächlich ankommt. Er oder sie muss mit Missverständnissen rechnen, Rückmeldungen ernst nehmen und bereit sein, die eigene Ausdrucksweise zu verändern. Erklären ohne Gewissheit heißt daher nicht, auf Klarheit zu verzichten. Es heißt vielmehr, Klarheit nicht mit Kontrolle zu verwechseln. Vermittlung bleibt ein Versuch, aber ein Versuch, der umso wirksamer werden kann, je besser er die Eigenlogik des anderen psychischen Systems respektiert.
Der Text trägt inhaltlich schon ziemlich stark. Das ist einer der Abschnitte, die dein Buch wirklich eigenständig machen könnten, weil hier die Theorie in konkrete Praxis umschlägt.

Die ethische Konsequenz: Wahlmöglichkeiten vergrößern
Wenn der Mensch die Welt nicht erkennt, wie sie an sich ist, sondern sich in ihr durch viable Konstruktionen orientiert, dann stellt sich notwendig die Frage, was unter solchen Bedingungen überhaupt noch als gut gelten kann. Der radikale Konstruktivismus entzieht absoluten Wahrheits- und Letztbegründungsansprüchen den Boden. Daraus folgt jedoch nicht, dass alles gleich gültig oder ethisch gleichwertig wäre. Auch ohne den Rückgriff auf eine objektiv zugängliche Wahrheit lassen sich Richtungen des Handelns benennen, die für psychische und soziale Systeme förderlich oder hinderlich sind. Eine konstruktivistische Ethik kann deshalb nicht auf ewige Prinzipien gegründet werden, wohl aber auf die Frage, welche Formen des Handelns die Lebens-, Denk- und Reaktionsmöglichkeiten von Systemen erweitern oder verengen.
In diesem Zusammenhang gewinnt Heinz von Foersters ethischer Imperativ besondere Bedeutung: Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird. Dieser Satz formuliert keine absolute Moral im klassischen Sinn, sondern eine Orientierung, die aus der Logik lebender und lernender Systeme hervorgeht. Ein System, das über mehr Möglichkeiten verfügt, kann variabler auf Umweltbedingungen reagieren. Es ist weniger starr, weniger auf nur eine Deutungsweise angewiesen und eher in der Lage, auch unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Die Erweiterung von Wahlmöglichkeiten erhöht damit die Chance auf Fortbestand, Anpassungsfähigkeit und Entwicklung.
Aus konstruktivistischer Perspektive ist eine Vermehrung von Denk- und Handlungsmöglichkeiten deshalb nicht nur erkenntnistheoretisch interessant, sondern auch praktisch und ethisch bedeutsam. Wer mehr Perspektiven einnehmen kann, ist weniger gezwungen, an einer einzigen Deutung festzuhalten. Wer mehr Möglichkeiten des Verstehens, Reagierens und Kommunizierens besitzt, kann mit Unsicherheit, Differenz und Veränderung tragfähiger umgehen. Die Erweiterung von Wahlmöglichkeiten verringert damit nicht notwendig jede Angst, aber sie kann die Abhängigkeit von starren Gewissheiten mindern. In diesem Sinn wäre es förderlich, so zu sprechen, zu lehren, zu handeln und soziale Räume so zu gestalten, dass Menschen nicht auf wenige Reaktionsweisen fixiert bleiben, sondern zusätzliche Wege des Umgangs mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt gewinnen.
Darin liegt auch eine mögliche Antwort auf den häufig erhobenen Einwand des Relativismus. Dass es keine objektiv zugängliche, absolute Wahrheit gibt, bedeutet nicht, dass jede Wirklichkeitskonstruktion gleichermaßen wünschenswert wäre. Konstruktivistisch betrachtet ist nicht alles gleich gut, sondern unterschiedlich tragfähig in Bezug auf die Erweiterung oder Verengung von Möglichkeiten. Konstruktionen, die Angst, Abschottung, Alternativlosigkeit und Feindbilder verstärken, engen die Handlungsspielräume von Individuen und sozialen Systemen ein. Konstruktionen dagegen, die neue Perspektiven, differenzierteres Verstehen, Lernfähigkeit und Kooperation ermöglichen, erweitern sie. Der Maßstab ist damit nicht absolute Wahrheit, sondern die Frage, ob mehr oder weniger viable Formen des Zusammenlebens und der Weltbewältigung entstehen.
Diese Perspektive betrifft nicht nur Individuen, sondern auch soziale Systeme. Gesellschaften, Institutionen und Gruppen können so organisiert sein, dass sie Vielfalt und Differenz als Bedrohung behandeln und dadurch ihre eigenen Entwicklungsmöglichkeiten einschränken. Sie können aber auch Bedingungen schaffen, unter denen Unsicherheit bearbeitbar, Widerspruch sagbar und Andersheit verstehbar bleibt. Eine konstruktivistische Ethik würde deshalb nicht in erster Linie Gehorsam gegenüber feststehenden Wahrheiten verlangen, sondern die Verantwortung betonen, Räume zu erhalten oder zu schaffen, in denen Lernen, Umbau und Perspektiverweiterung möglich bleiben. Ethik würde dann nicht als Durchsetzung des einzig Richtigen erscheinen, sondern als Pflege von Bedingungen, unter denen psychische und soziale Systeme ihre Möglichkeiten vermehren können.
Damit erhält auch der Umgang mit anderen Menschen eine neue Akzentuierung. Wer die Weltkonstruktion des anderen nicht unmittelbar teilt, muss sie nicht deshalb schon vernichten, verspotten oder moralisch entwerten. Die ethische Aufgabe bestünde vielmehr darin, so mit Differenz umzugehen, dass aus ihr nicht notwendig Verhärtung, sondern nach Möglichkeit Erweiterung entsteht. Nicht jede Position muss akzeptiert, nicht jede Deutung übernommen werden. Aber die Frage, ob eine Reaktion die Zahl der Wahlmöglichkeiten vergrößert oder verkleinert, verschiebt den Blick auf das, was im Umgang miteinander wünschenswert sein könnte. Das Gute läge dann nicht in der Behauptung endgültiger Gewissheit, sondern in der Ermöglichung größerer Beweglichkeit, tragfähigerer Verständigung und reicherer Formen des Weltbezugs.

Generelle Alltagszusammenhänge
Nimmt man den radikalen Konstruktivismus nicht nur als erkenntnistheoretische Position, sondern als plausible Beschreibung menschlichen Weltbezugs ernst, dann verändert sich der Blick auf den Alltag grundlegend. Unterschiedliche Wirklichkeiten erscheinen nicht mehr als bloße Abweichungen von einer objektiven Wahrheit, sondern als normale Folge der Tatsache, dass Menschen ihre Welt aus ihrer jeweiligen Struktur, Erfahrung und sozialen Einbettung heraus konstruieren. Damit wird verständlich, warum Zusammenleben zugleich möglich und konflikthaft ist: Menschen können miteinander leben, obwohl sie die Welt nicht identisch wahrnehmen, und geraten gerade deshalb immer wieder in Missverständnisse, Widersprüche und Abwehrreaktionen.
Zugleich zeigt sich, dass Differenz nicht nur ein Problem darstellt. Sie kann auch Anlass zu Lernen, Umbau und Erweiterung der eigenen Denk- und Handlungsmöglichkeiten sein. Wer andere Perspektiven nicht nur als Angriff, sondern auch als Gelegenheit zur Rekonstruktion der eigenen Welt begreift, gewinnt zusätzliche Möglichkeiten, mit Unsicherheit, Komplexität und Fremdheit umzugehen. In diesem Sinn ist Lernen nicht die Übernahme einer Wahrheit, sondern die Erweiterung der Fähigkeit, sich in einer niemals endgültig gesicherten Welt zu orientieren.
Auch Vermittlung erscheint vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht. Erklären bedeutet nicht, Gewissheit zu übertragen, sondern Bedingungen dafür zu schaffen, dass im Gegenüber neue Konstruktionen entstehen können. Daraus ergibt sich eine Haltung, die weniger auf Belehrung als auf Begleitung, weniger auf Durchsetzung als auf Anschlussfähigkeit und weniger auf Kontrolle als auf die Ermöglichung von Verstehen setzt.
Schließlich legt der Konstruktivismus auch eine ethische Konsequenz nahe. Wenn absolute Wahrheiten nicht zugänglich sind, dann kann das Gute nicht in ihrer bloßen Behauptung bestehen. Plausibler erscheint es, Handeln danach zu beurteilen, ob es Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten vergrößert oder verengt. Eine Welt, in der Menschen mehr Perspektiven einnehmen, mehr Unterschiede verarbeiten und mehr Formen des Verstehens entwickeln können, ist nicht sicherer im Sinne endgültiger Gewissheit, aber tragfähiger im Umgang mit der Ungewissheit.
Der radikale Konstruktivismus führt damit nicht in Beliebigkeit, sondern in eine anspruchsvollere Form des Zusammenlebens. Er verlangt, Unsicherheit auszuhalten, Differenz ernst zu nehmen und das Verstehen anderer nicht als Besitz von Wahrheit, sondern als fortdauernde Aufgabe zu begreifen. Gerade darin könnte seine praktische Stärke liegen: nicht in der Lieferung letzter Antworten, sondern in der Erweiterung der Möglichkeiten, menschliches Leben, Lernen und Zusammenleben unter den Bedingungen einer konstruierten Wirklichkeit verständlicher zu machen.
Schluss
Der radikale Konstruktivismus ist keine beruhigende Theorie. Er nimmt dem Menschen die Hoffnung, die Welt so erkennen zu können, wie sie an sich ist, und stellt damit eine der tiefsten Sehnsüchte des Denkens in Frage: den Wunsch nach einem festen Boden, auf dem Erkenntnis, Wahrheit und Gewissheit dauerhaft ruhen können. Gerade deshalb wird er oft als Zumutung erlebt. Er verlangt, die Möglichkeit aufzugeben, sich selbst als Besitzer einer objektiven Wahrheit zu verstehen, und er macht sichtbar, wie sehr menschliche Erkenntnis an die Struktur des Erkennenden gebunden ist.
Und doch liegt gerade in dieser Zumutung seine besondere Stärke. Der radikale Konstruktivismus bietet nicht weniger Weltverständnis, sondern in vieler Hinsicht mehr. Er erklärt, warum Wahrnehmung nie bloße Abbildung, sondern immer schon Konstruktion ist. Er macht verständlich, warum Menschen die Welt so unterschiedlich erleben, obwohl sie in denselben sozialen und physischen Zusammenhängen leben. Er zeigt, weshalb Kommunikation so oft an Grenzen stößt, warum Missverständnisse nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall sind, und warum Widerspruch häufig nicht als Einladung zum Denken, sondern als Bedrohung erlebt wird. Vor allem aber liefert er ein Modell, mit dem sich diese Phänomene nicht nur beschreiben, sondern in ihrer inneren Logik nachvollziehen lassen.
Die hier zusammengeführten Perspektiven aus Neurobiologie, Entwicklungspsychologie, Kognitionswissenschaft und Systemtheorie sprechen dafür, dass der radikale Konstruktivismus nicht bloß eine spekulative philosophische Möglichkeit ist, sondern eine plausible Weltvorstellung. Er behauptet nicht, die letzte Wahrheit über den Menschen gefunden zu haben. Gerade darin liegt seine intellektuelle Redlichkeit. Er tritt nicht mit einem absoluten Wahrheitsanspruch auf, sondern als tragfähiger Versuch, verschiedene Einsichten über Wahrnehmung, Erkenntnis, Kommunikation und soziale Wirklichkeit in ein widerspruchsärmeres Verhältnis zu bringen.
Wenn man diese Weltvorstellung ernst nimmt, verändert sich der Blick auf den Menschen. Erkenntnis erscheint dann nicht mehr als Entdeckung einer fertigen Welt, sondern als Aufbau viabler Ordnungen. Wahrheit verliert ihren Status als absoluter Besitz und wird durch Plausibilität, Konsistenz und Viabilität ersetzt. Lernen bedeutet nicht mehr in erster Linie die Übernahme richtiger Inhalte, sondern die Veränderung von Konstruktionen. Kommunikation ist kein Transport fertiger Bedeutungen, sondern eine Form der Perturbation, Anregung und Koordination. Und Zusammenleben wird sichtbar als ein fortwährender Versuch, zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen ausreichend tragfähige Verbindungen herzustellen.
Gerade für den Alltag liegt darin eine weitreichende Konsequenz. Wer davon ausgeht, dass andere Menschen die Welt nicht einfach falsch sehen müssen, sondern aus ihrer jeweiligen Struktur heraus anders konstruieren, kann Konflikte anders betrachten. Missverständnisse, Empörung und Feindseligkeit erscheinen dann nicht mehr nur als moralisches Versagen einzelner, sondern als erwartbare Folgen unterschiedlicher Wirklichkeitskonstruktionen, die aufeinandertreffen und sich gegenseitig irritieren. Das entschuldigt nicht jede Handlung und macht Kritik nicht überflüssig. Es verändert aber den Ausgangspunkt. An die Stelle vorschneller Verurteilung kann der Versuch treten zu verstehen, wie die Wirklichkeit des anderen aufgebaut ist und warum sie für ihn oder sie viabel geworden ist.
Darin liegt vielleicht auch eine praktische Hoffnung des Konstruktivismus. Er macht das menschliche Zusammenleben nicht einfacher, aber verständlicher. Er verspricht keine Harmonie und keinen endgültigen Konsens. Doch er eröffnet die Möglichkeit, Differenz nicht sofort als Gefahr, sondern auch als Quelle von Lernen zu begreifen. Die Begegnung mit anderen Weltkonstruktionen kann das eigene Denken erweitern, die Zahl der Handlungsmöglichkeiten vergrößern und den Umgang mit Unsicherheit beweglicher machen. In diesem Sinn gewinnt auch Heinz von Foersters ethischer Imperativ besonderes Gewicht: gut wäre dann nicht, was eine angeblich absolute Wahrheit durchsetzt, sondern was die Zahl der Wahlmöglichkeiten erhöht und psychische wie soziale Systeme lernfähiger, offener und tragfähiger werden lässt.
Der radikale Konstruktivismus führt damit nicht in Beliebigkeit, sondern in Bescheidenheit. Er nimmt dem Menschen die Illusion letzter Gewissheit, aber nicht die Möglichkeit, sich in der Welt zu orientieren. Er fordert dazu auf, die eigenen Konstruktionen ernst zu nehmen, ohne sie zu verabsolutieren. Er legt nahe, andere Perspektiven nicht vorschnell zu vernichten, sondern als Ausdruck anderer Welterzeugungen zu begreifen. Und er erinnert daran, dass die Wirklichkeit, in der Menschen leben, immer auch die Wirklichkeit ist, die sie gemeinsam und gegeneinander hervorbringen.
Vielleicht ist das die entscheidende Konsequenz: Nicht die Frage, wer die Welt wirklich besitzt, rückt in den Mittelpunkt, sondern wie Menschen mit der Unverfügbarkeit der Welt umgehen. Der radikale Konstruktivismus bietet darauf keine endgültige Antwort. Aber er macht sichtbar, dass in dieser Unverfügbarkeit nicht nur Unsicherheit liegt, sondern auch Freiheit: die Freiheit, Konstruktionen zu verändern, Perspektiven zu erweitern, Viabilität zu prüfen und Formen des Zusammenlebens zu entwickeln, die der Vielfalt menschlicher Wirklichkeiten eher gerecht werden.
QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS
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WATZLAWICK, Paul; WEAKLAND, John; FISCH, Richard: Lösungen – Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels, Bern, 8. Auflage, 2013