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Hänsel

(Versuch über Vorurteile)

Prolog

Vor einem großen Walde wohnte ein Holzhacker mit seiner Frau, das Bübchen hieß Hänsel. Wie der Holzhacker sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach: »Was soll aus ihm werden? »Weißt du was, Mann«, antwortete die Frau, »wir wollen morgen in aller Frühe den Hänsel hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihm ein Feuer an und geben ihm noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen ihn allein. Er findet den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind ihn los.« »Nein, Frau«, sagte der Mann, »das tue ich nicht; wie sollt ich’s übers Herz bringen, mein Kind im Walde allein zu lassen! Die wilden Tiere würden bald kommen und ihn zerreißen.«
Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und sprach: »Da hast du etwas für den Mittag.«

Epos

Ich gehe in die Stadt, über den Randstein zur Haltestelle, die Sonne scheint, mein Schatten vor mir, jemand hat einen Zettel über den Fahrplan geklebt, Fahrrad geklaut, am Samstag blabla, für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, gibt es Belohnung, ich habe nichts gesehen, Anna seh ich gleich, das ist schön, die Straßenbahn lässt auf sich warten, nein, da kommt sie schon, die Fünf kommt ums Eck und quietscht, wenn man vom Teufel spricht, noch ein paar andere stehen hier an der Haltestelle, werden wohl auch mitfahren, die Bahn hält, die Tür rechts von mir, jemand muss wohl auf den Öffnungsknopf drücken, hier steh ich, der will an mir vorbei, seltsamerweise gehen viele, wenn die Straßenbahn kommt, zuerst zehn Meter mit ihr mit und dann dieselbe Strecke wieder zurück, um zu einer Tür zu kommen. Dieses Mitgehen ist wahrscheinlich ein archaischer Drang, es ist nachvollziehbar, ich mache es absichtlich nicht, dann bleibt die Tür der Bahn auch meistens direkt vor mir stehen. Vielleicht denken manche auch, dass die Bahn zu weit fährt und sie dann rennen müssten, um noch rein zu kommen. Vielleicht wollen sie die Bahn auch nur beim Ankommen begleiten, vielleicht machen sie es nur aus Trotz, weil ich stehen bleibe, wer weiß.
Heute ist es wieder warm.
Die Tür geht auf, vor mir eine dicke Frau, sie steigt sehr langsam hoch, soll ich zur anderen Tür? Sie wird jetzt auch nicht ewig brauchen, ein Fuß nach dem anderen, sie ist oben und bleibt stehen, nun mach schon, ich geh nach rechts‚ ein Stück nach vorne, einen Platz auf der rechten oder linken Seite? Links sind zwei Sitze, links scheint die Sonne rein, die Fünf hat keine Klimaanlage, das wäre heute aber besser, die S4 hat eine, wenn die vom Land in die Stadt fährt, dann ist es in ihr manchmal richtig kühl, und es riecht nach Klimaanlage, das rieche ich auch gern, ich setz mich nach links, dann kann ich meine Tasche neben mich stellen.
Wenn ich mit dem Fahrrad gefahren wäre, dann hätte ich ein Problem mit der Tasche gehabt, die ist zu groß, um sie sich umzuhängen, und sie hält nicht richtig auf dem Gepäckträger, und den roten Fahrradkorb hab ich nicht so gern, da sieht mein Rad aus wie ein Hausfrauenfahrrad, na ja.
Der Sitz ist unangenehm heiß, fahr jetzt los, vielleicht kommt ja wenigstens ein kühler Wind durch die aufgeklappten Oberfenster, ein himmlisches Kind, mit dem Fahrrad hätte ich jetzt den Fahrtwind, Fahrtfönwind an so einem Tag, mein Hemd klebt schon am Rücken, ist das da vorne mein Nachbar? Wohl nicht, der hätte doch an der Haltestelle gestanden‚ da hab ich ihn nicht gesehen, der grüßt auch nur jedes zweite Mal, vielleicht sind wir manchmal zu laut, von anderen im Haus kriegt man nie was mit, entweder sind die Wände so lärmschluckend, oder wir sind wirklich die einzigen Lärmer. Auch die Tür. Wenn ich heimkomme, fällt sie immer laut ins Schloss, bei anderen hab ich das noch nie gehört, es ist mir zumindest nicht aufgefallen, vielleicht bemühen sich die immer, sie leise zuzumachen. Nein, der Briefträger wird sich darum wohl nicht kümmern und den hör ich auch nie, na ja, wird schon recht sein, wem’s nicht gefällt, der kann sich ja melden. Hauptfriedhof, hier war wohl gerade eine Beerdigung, bei der Hitze im schwarzen Anzug in der Sonne, da kann ich mir auch Schöneres vorstellen. Nur alte Männer und Frauen, manchmal sieht man hier in der Gegend wirklich nur Alte, da glaubt man dann gleich an die Überalterung der Gesellschaft, es gibt Zeiten, da sind nur Rentner in der Straßenbahn. Dann muss man aufpassen, dass man sich nicht vor einen setzt. Rentnermundgeruch ist manchmal unerträglich, ich bin sogar mal ausgestiegen, weil man es in der Straßenbahn nicht mehr ausgehalten hat. Tankstelle, Brauerei mit Gasthof und Veranstaltungssaal, ich wollte hier einmal zu einem Vortrag von Wolfgang Schäuble, aber es war voll, ich kam nicht mehr rein, hab wahrscheinlich nichts verpasst, oh, die kenn ich, fährt mit dem Fahrrad in die andere Richtung, die sitzt immer so steif auf dem Fahrrad, aufrechter Rücken, als hätte sie einen Stock verschluckt. Studiert auch irgendwas, Ostfriesenfahrrad. Vielleicht kann man mit so einem Rad nur so fahren, als ob man einen Stock verschluckt hätte, aber die X-Beine. Nein. Das ist ja furchtbar, die sollte sich mal selbst sehen, vorbei, mein ungepolsteter Sitz klebt mir unangenehm an Rücken und Schenkeln, die Straßenbahn wackelt über den Karlwilhelmplatz, die S2 hält hier nicht, die kann aus technischen Gründen hier nicht halten‚ die ist wohl zu lang, der Kreisverkehr hier ist auch sehr unangenehm. Ein schlecht genknoteter Verkehrknoten, so dass am Ende alle Verkehrteilnehmer unzufrieden sind. Rotphasen für alle gleichzeitig. Mit dem Auto wartet man eine halbe Stunde, wenn man aus der Oststadt in die Stadt fahren will. Wenn man’s kennt, dann meidet man diesen Platz, dann fährt man unten rum, ist aber sowieso schlecht mit dem Auto in die Stadt, Parkplätze gibt’s nicht, Ampeln sind immer rot, mit dem Fahrrad ist das viel besser, da kann man beide Vorteile nutzen, schnell wie ein Auto, und wenn’s rot ist, dann wird man schnell zum Fußgänger, fährt auf dem Gehweg, über rote Ampeln, das geht mit dem Auto auch nicht, das ist richtig verboten, Straßenbahnfahren ist meist am angenehmsten, besonders mit Klimaanlage, da kann man nebenher noch andere Sachen machen, nur Schreiben geht nicht, zumindest nicht hier in der Fünf, die ruckelt und wackelt zu stark. Die Straßenbahnen fahren aber auch nicht überall hin, und nachher sollte ich schon mein Fahrrad nehmen, das geht schneller, Telefon.
Ach, Anna, ja. Ich sitze schon in der Fünf und bin in 10‚ nein in 5 Minuten da, wartest du schon? Das Fahrrad soll ich bringen, aber ich fahr doch schon, Christine hat angerufen, du sollst zu ihr kommen, Was ist denn? Irgendwas mit Mehmet, das ist ihr Freund, Moslem, wahrscheinlich aus der Türkei. Muss das gerade jetzt sein? Geht nicht lang? Das kenn ich. Was mach dann ich so lang, aber lange warte ich nicht, ok, ok, ich hol’s, ich steig gleich um, aber die Bücher lass ich dann daheim, die sind zu ungeschickt auf dem Fahrrad, ok, ja, ich beeil mich. Ciao, bis gleich.
Hätt ich doch gleich mit dem Fahrrad fahren sollen, na ja, jetzt bin ich schon hier, fahre noch mal zurück und dann kann ich daheim noch kurz auf die Toilette, wird schon auch irgendwelche Vorteile haben. Durlacher Tor, verdammt, gerade fährt die Fünf in die andere Richtung, fährt mir davon, die erwisch ich nicht mehr, die nächste erst in 10 Minuten, raus muss ich trotzdem, aussteigen, schon wieder die lahme Dicke vor mir, will hier auch raus, dann geh ich doch rechts an ihr vorbei, das muss jetzt nicht noch mal sein.
Hier draußen ist’s auch nicht kühler, soll ich noch nachsehen, ob an der anderen Haltestelle eine Eins oder Zwei kommt, zehn Minuten bis zur nächsten Fünf, oder hatte diese hier gerade Verspätung? Die Fünf ist die Einzige, die nicht angezeigt wird an den neumodernen Anzeigetafeln an der Haltestelle, die Einzige, die mich interessiert. Aber ist ja klar. Geh ich rüber oder geh ich zu Fuß nach Hause? Oh, das ist ja Mehmet da drüben bei den Fahrrädern, was macht denn der da? Der sollte sich lieber mal mehr um seine Freundin kümmern, dann müsste meine das nicht machen, warum sieht der sich denn die Fahrräder so genau an, will er die klauen? Dem trau ich alles zu, der hat sich sowieso in den letzten Monaten so verändert, der geht jetzt regelmäßig in die Moschee und hat so seltsame Freunde und jetzt auch noch sein Bart, würd mich gar nicht wundern, wenn er von Christine verlangt hat, dass sie ein Kopftuch tragen soll. Mit ihm will ich jetzt nicht sprechen, ich geh zu Fuß, dann muss ich nicht an ihm vorbei, ich wüsste jetzt nicht, was ich zu ihm sagen sollte, will ich mir auch nicht überlegen, er hat mich auch noch nicht gesehen, warum sieht er sich denn die Fahrräder so genau an? Naja, mir wurscht, solang er meins nicht klaut, obwohl, ich bin ja versichert, dann müsste ich doch ein Neues bekommen, ich sollte mich wohl auch ein bisschen beeilen, sonst muss Anna so lange warten, die Ampel ist grad grün, schnell rüber, Vorbild für die Kinder, schade, sind keine da, jetzt geh ich einmal bei Grün! Vor kurzem sollen am Gottesauer Platz nachts bei ungefähr keinem Verkehr zwei Polizisten in Zivil gestanden haben, die alle, die bei Rot über die Fußgängerampel gingen, verwarnt haben. 15 Euro! Wie kann man nur? Man kann doch nicht bei Rot stehen bleiben‚ wenn niemand kommt, kein Auto, kein Fahrrad und auch keine Kinder irgendwo stehen. Nur zwei Polizisten in Zivil. Die sollten lieber besser aufpassen, dass mein Fahrrad nicht geklaut wird. Das wär wohl sinnvoller. Franks Fahrrad wurde auch geklaut, ach nein‚ er hatte nur vergessen, wo er es hingestellt hatte oder so, nein, der Hausmeister hat es weggeräumt, damit er besser putzen konnte, irgendwie so war das, diese Kirche hier ist von außen viel beeindruckender als von innen, katholisch war ich wohl auch mal, und das vergisst man auch nicht mehr, im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, ich war hier einmal drin, da waren auch nur Alte, an den Zuständen in der Kirche kann man wahrscheinlich die Zukunft der ganzen Stadt ablesen, dafür hat man in der Kirche mehr Platz als in der Straßenbahn, da muss man sich nicht unbedingt vor einen Rentner setzen, oder geht einfach gar nicht mehr hin. Im Schatten der Kirche ein Kinderspielplatz, vielleicht ist das der Versuch, um Nachwuchs zu werben, damit sie auch morgen noch kraftvoll predigen können, Amen, wann war ich denn das letzte Mal? Weiß ich gar nicht mehr, wahrscheinlich an Weihnachten, da wars noch kühler, so ein bisschen Schnee wäre jetzt schön. Und jetzt über die Straße und den Gehweg entlang bis zum Kreisverkehr.. Auch ein seltsamer Fahrradladen, ich kann mir nicht helfen, aber die Fahrräder hier sehen alle geklaut aus, naja, vielleicht ist der Verkäufer und Reparaturmeister nett‚ woher wird er diese Fahrräder wohl bekommen? Die sind sicher alle älter als 20 Jahre, älter als meines wahrscheinlich, aber nicht viel. Solche Fahrräder werden wohl nicht mehr geklaut, hm, wer weiß, vielleicht werden gerade die mitgenommen, weil sie unauffälliger sind. Die Apotheke hat auch zu gemacht, im Schaufenster liegt ein Blutdruckmessgerät für 8 Euro, nö, das brauch ich nicht, da vorne geht ein Kopftuch, das sieht schlimm aus, schlimmer noch als Fahrradfahren mit X-Beinen, die Farbkombinationen dieser Kopftucher sind oft sehr abstoßend, als hätten sie überhaupt kein Gefühl dafür, was zusammenpasst, und dann auch noch bei der Hitze Kleider bis zum Boden, vielleicht können sie ja nichts dafür, vielleicht werden sie von ihren brutalen Männern mit Schnurrbärten dazu gezwungen. Oder mit Vollbärten. Ja, wahrscheinlich. Auch Mehmet hat jetzt einen Vollbart. Wahrscheinlich hat Mehmet von Christine verlangt, dass sie ein Kopftuch trägt, vielleicht will sie deshalb mit Anna reden, Frauen, reden, Frauen reden viel, Frauen reden dauernd miteinander und können sich dann doch nicht auf einander verlassen, Freundinnen hintergehen einander irgendwann. Mit Mehmet reden geht aber gar nicht. Das hört sich zumindest so an, wenn Anna davon erzählt, ich hab noch nie richtig mit ihm geredet, Christine leidet wohl auch darunter, sie habe immer das Gefühl nicht gut genug zu sein, sagt Anna, bilde sich ein, sie müsste mehr sein und könne gar nichts und Mehmet unterstützt das womöglich auch noch, könnt ich mir vorstellen, wahrscheinlich möchte er eine muslimische Jungfrau, denn nur die sind wirklich für ihn angemessen, aber jetzt vor der Ehe will er seinen Spaß haben, das geht dann ja nur mit so einer wie Christine, die kann er dann abstoßen, wenn es soweit ist, würde er mit einer Türkin so umgehen, dann würde er wahrscheinlich von ihren Brüdern getötet, weil er die Ehre der Familie des Mädchens verletzt, das Mädchen gleich mit, das muss man so machen, das gehört sich so, eine Frage der Ehre. Das Kopftuch da vorne geht in den Tengelmann, die Tengelmannapotheke, teuer, aber nur hier gibt’s den Flammkuchen mit Lachs, essen muss ich auch noch was, und Hemden bügeln sollte ich auch noch, die blöde Tasche wird langsam schwer und außerdem stört sie beim Gehen, ich hätte wohl doch mit der Straßenbahn fahren sollen, dann würd ich jetzt zwar noch warten, aber ich müsste diese verdammte Tasche nicht durch die ganze Oststadt tragen, nachher werde ich nur Geld und die Fahrkarte mitnehmen, die Bücher soll Anna heute Abend selbst holen, vielleicht kommt sie ja dann auch zu mir und bleibt bei mir, ja, ist doch ein gutes Argument, sie zu über­zeugen, oh, da kommt die Studentin auf dem Fahrrad, die den Stock verschluckt hat, haben solche X-Beine beim Fahrradfahren was mit Verklemmtheit zu tun? Müsste man mal erforschen. Haben Kopftücher was mit Verklemmtheit zu tun? Wohl eher nicht, wenn man sieht wie viel Schminke bei denen manchmal im Gesicht hängt, das ist manchmal fast noch schlimmer als die Kopftücher selbst, Kopftücher, ich versteh das nicht, ich würd mir das nicht antun, man kann doch als Frau nicht einfach denken: Gott ist einfach ein biss­chen ungerecht zu Frauen, aber das muss so sein. Da wird mir fast schlecht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Christine da mitmachen würde, egal, wie wichtig ihr Mehmet ist, oder? Gut, dass sie mit Anna redet, die hat, glaub ich, ein recht gesundes Verhältnis zu solchen Dingen, vielleicht überzeugt sie Christine, Mehmet zu verlassen, ha. Dann kann er alleine Fahrräder klaun. Die Frau am Stock geht auch in den Tengelmann, sie hat ihr Fahrrad abgestellt und abgeschlossen, ich geh vorbei, zwischen den parkenden Autos hindurch und biege ab nach rechts, das war hier früher die schlechteste Straße in der ganzen Stadt, Rodeodrive, eine Rippelfahrbahn mit garantiertem Steißbeinschaden bei einmaliger Durchfahrt mit dem Fahrrad. Und jetzt ist sie neu und schwarz, und glatt und man muss nur noch einmal treten und rollt mit dem Fahrrad bis zum Ende, an der Oststadtapotheke vorbei, an der abgerissenen Kirche, da steht jetzt ein Wohnhaus, hier ist rechts vor links, kommt nichts, als Fußgänger interessieren die Straßenverkehrsregeln sowieso nicht so besonders, und überall stehen Autos, hier komm ich kaum dazwischen durch, ohne dass meine Tasche über die Motorhaube streicht, wenn das jetzt Kratzer gibt, dann kann ich auch nichts dafür, man parkt ja nicht so eng, und außerdem auch nicht so nah an der Kreuzung, das ist doch auch verboten, oder, das muss doch einen Strafzettel geben, und der wäre auch gerechtfertigt, das ist was anderes wie bei Rot über die Ampel zu gehen, es gibt sowieso zu viele Ampeln zu viele Ampeln und zu wenige Parkplätze, das stimmt, wenn man zu lange nach einem Parkplatz suchen muss, dann nimmt man jeden. Das Park­platzsuchen macht wirklich keinen Spaß, sinnlos um den Block, vor der Tür gibt es sowieso nie welche und wenn man dann drei Blöcke weiterparkt, dann vergisst man sicher, wo man es hingestellt hat und muss es beim nächsten Mal stundenlang suchen. Wo steht eigentlich mein Auto? Wann kam ich hier an‚ wann bin ich denn das letzte Mal gefahren? Montag, ach ja, das muss in der Veilchenstraße stehen, da kann es wenigstens nicht verhagelt werden, die Bäume schützen es davor, aber der Belag‚ das cremige Zeug, das auf Dach und Motorhaube klebt, Blütenstaub oder so, muss ich wohl mal wieder durch die Waschstraße, mach ich bald, mein Zimmerfenster sollte ich auch mal wieder putzen, sieht ja extrem dreckig aus von hier unten, irgendwann mal, den Schlüssel für die Haustür, reinstecken, drehn, ziehen, Klick und drücken, zwei Schritte bis zu den Treppen, die 3 Stufen auf einmal, ein kurzer Blick zum Briefkasten, sieht leer aus, am Geländer mit links festhalten und immer zwei Stufen auf einmal Zwischenstockwerk mit Abstellraum, da war ich auch schon lange nicht mehr drin, was hab ich denn da drin? Die Wohnungstür, Schlüssel rein, Tür herziehen, Tür auf, die Schuhe lass ich an, die Tasche stell ich in die Küche‚ Fahrkarte und Geld brauch ich, in die Hosentasche, ach ja, auf die Toilette muss ich noch, ins Bad, Licht an, Brille hoch, Hose auf, Pimmel raus, so, ja, der Nachbar hört wieder mal Rolling Stones, rockt mal wieder das Häuschen, Rentnermusik, wir sind also doch nicht die Einzigen, die hier Lärm machen, man hört es gut durch die Wände, oder er hört wirklich laut, Brown Sugar, hier drin sollte man mal wieder putzen, Staub liegt auf dem Boden, Brown Sugar, Rolling Stones mag ich genauso gern wie Kopftücher, pah, aber eine Kopftuchputz­frau zum Putzen wär ganz ok. Einpacken, runterspülen, bitte zum Spülen hier drücken, wasch ich mir die Hände? Ja, das Gesicht sogar noch, ist ganz gut bei dieser Hitze, das kühlt ab, kaltes Wasser ins Gesicht und wo hängt das Handtuch, hier hängt kein Handtuch, im Schrank sind noch welche, rüber in mein Zimmer, durch den Gang, nicht über die Schuhe stolpern, Schrank auf, das Grüne, oh, schön rau, und es riecht gut, Fahrradschlüssel nicht vergessen. Hier ist er, muss ich sonst noch was mitnehmen? Hat Anna noch was gesagt? Fällt mir nicht ein. Wofür sie wohl das Fahrrad braucht? Ich gehe, raus aus der Wohnung, Türe zu, habe ich das Licht im Bad ausgemacht? Kann mich nicht erinnern, wird schon aus sein. Die Treppe runter, nackte Steinstufen, noch einen kurzen Blick in den Briefkasten, aber der war ja auch vorhin schon leer, zur Tür hinaus, mann, ist das heiß heute, schnell zum Fahrrad, das steht hinterm Haus, das nächste Mal sollte ich die Pumpe mitnehmen, es wäre an der Zeit, den Reifen wieder Luft zu schenken, aber es geht noch, das Fahrradschloss klemmt ein bisschen, ein Tropfen Öl würde ihm gut tun, irgendwann mach ich das schon, aufsitzen und nach vorne zur Straße, aber jetzt, wie fahr ich denn, rechts oder links?
Ich fahr am Fasanengarten vorbei durch den Schlosspark, das ist am stressfreisten. Hier links und dann oben rüber, ich muss mich beeilen, Anna wartet auf mich, da vorne ist schon wieder eine Kopftuchfrau, diesmal mit Kinderwagen, wenn die Einwanderer mit ihrer hohen Geburtenrate nicht wären, dann wären irgendwann alle Rentner, dann müssten alle Rolling Stones hören und würden nie wieder Satisfaktion erreichen. Das muss doch warm sein unter diesem Kleid und unter diesem Kopftuch, himmelblau, dunkelblau, weiß, großgeblümt, unter diesem Zelt herrscht sicher ein feucht warmes Klima, da möchte ich nicht drinstecken, aber vielleicht sind die Stoffe so toll, dass sie von der Hitze isoliert sind und nicht mal schwitzen müssen, wer weiß, ich würd trotzdem kein Kopftuch tragen wollen, es gefällt mir nicht, es sieht einfach hässlich aus, ich würde mir auch keinen Bettbezug in diesen Farben kaufen, auch wenn es eigentlich danach aussieht, Mehmet gefällt es wahrscheinlich, aber kann es den Frauen selbst gefallen? Man gewöhnt sich wohl an alles. Achtung Randstein, rechts kommt nichts, hinter dieser Mauer steht eine Villa, die sieht auch so aus, als könnte sich dort eine gemeingefährliche Sekte treffen, eine Kamera an der Einfahrt und Stacheldraht am oberen Zaunende, wer weiß, was die da drin tun. Was haben sie denn mit dieser Litfasssäule gemacht? Entkleidet steht sie da, nur noch Plakatfetzen an einigen Stellen, traurig und einsam, nur noch Beton, ihrer Funktion beraubt, schade, ich mag’s lieber, wenn die Säulen mit 10 cm Papier eingewickelt sind, da ist’s umgekehrt als bei Frauen, Frauen an sich hab ich lieber ausgewickelt. Gerne nackt. Vielleicht mag ich deshalb Kopftücher nicht. Was macht denn der da? An der Kreuzung steht ein Transporter voller Fahrräder, die hinteren Türen sind offen, was machen die da? Er trägt ein Fahrrad in den Laderaum, klauen die die Fahrräder, die hier stehen? Naja, weiß nicht, kann so viel sein, ist das Mehmet? Ist der jetzt hier? Der war ja vorhin schon zwischen den Fahrrädern. Hat er da auch schon nach klaubaren Fahrrädern geschaut? Ich muss hier, nach den Glascontainern rechts, sonst muss ich außen rum und am Karl-Wilhelm-Platz vorbei, das dauert auch mit dem Fahrrad zu lang, zu viele Ampeln, ich fahr kurz vor der Höpfnerpassage durch den Hochhaushof, war das jetzt Mehmet? Hier zieht’s‚ ein angenehmer Wind weht mir entgegen, der Wind, das himmlische Kind, das ist schön bei diesem Wetter, jetzt glaub ich doch noch bald, dass Mehmet klaut, vielleicht will Christine deswegen mit Anna reden, vielleicht hat sie mitbekommen, wie er klaut, oder sie fragt sich, woher er das Geld hat, vielleicht hat er auch auf einmal ein neues Rad, oder er hat sie irgendwie angelogen. Ich muss Anna mal fragen, sie wird das wohl dann auch wissen und kann mir das erzählen. Achtung Rollstuhlfahrer, der sieht mich hier wohl nicht, kann man in diesem Hochhaus als Rollstuhlfahrer leben, wird wohl schon einen Aufzug geben, kann ja nicht anders sein, ist ja das höchste hier, vielleicht war er aber auch nur bei der Zahnärztin, die hier ihre Praxis hat. Er hat mich gesehen, lässt mich vorbei, hier muss ich über die Straße, über die Schienen, hier bin ich vorhin vorbeigefahren und habe die X-Bein-Frau gesehen, jetzt fahre ich hier, habe ich auch X-Beine beim Fahrradfahren? Nein, eher O-Beine. Gottseidank, viel Verkehr, Straßenbahn von links, die Fünf, wär das die, in der ich sitzen würde, wenn ich gewartet hätte? Nein, das kann nicht sein, das muss schon die spätere sein, ist es dann jetzt schon 20 Minuten her, dass Anna angerufen hat? Das kann aber auch nicht sein, oder? Und Anna wartet auf dem Marktplatz in der Sonne. Wenn sie das Fahrrad nicht gebraucht hätte, dann wär ich jetzt auch schon bei ihr. Jetzt aber schnell über die Straße, senkrecht über die Schienen, ich will ja nicht hängen bleiben, schnell, von rechts kommt ein 20-Tonnen-Geländewagen, der würde es gar nicht spüren, würde er mich überfahren. Treten, treten, noch 5 Meter, rechts die Hand raus und über den Randstein hüpfen, da kommt jemand aus dem Parkplatz, komm ich noch vor dem nach links auf den Weg? Ja, das reicht, Randstein, Frau mit Hund, sie hält ihn fest, sie erlaubt ihm hier trotz Verbotsschilder auf den Rasen zu machen, ihr Gesicht sieht so aus, als würde sie sich darüber beschweren, dass man die Hundkotverboten-Schilder hier aufgestellt hat, denn wo soll sie denn mit ihrem Fiffi hin? Ich muss wahrscheinlich auch aufpassen, dass sie sich nicht über mein zu schnelles Fahren beschwert, ihr Gesicht erzeugt in mir das Gefühl, ich würde etwas falsch machen, schnell weg, durch den kleinen Park, den man wirklich nur zum Durchfahren oder zum Hundereinscheißenlassen benutzen kann, wer will sich hier schon hinsetzen? Hier saß auch noch niemand seit ich hier durchfahre. Vielleicht kommen die ja nachts, jetzt muss ich mich da wieder irgendwo zwischen den Autos durchquetschen, die parken auch hier immer so eng aneinander, die sollte man wirklich verwarnen, die stören mich in meiner freien Fahrt, freie Fahrt für freie Bürger, und jetzt hier auf den Bürgersteig, hoffentlich kommt nicht gerade jetzt ein Auto aus der Tiefgarage, das würde mich gar nicht sehen können, und ich kann es auch nicht sehen, wenn das hier rausfährt, knall ich drauf und fliege über die Motorhaube, kam nichts, ist es eigentlich verboten auf dem Gehweg zu fahren? Da vorne geht jemand, da komm ich nicht vorbei, und das ist ein Rentner, der zeigt mich wahrscheinlich an, wenn ich ihm zu nahe komme, da fahr ich lieber auf die Straße, an der Kreuzung ist auch rechts vor links, dann müssen die Autos von links mit die Vorfahrt gewähren, vollwertiger Teilnehmer des Straßenverkehrs, schade, da kommt ein Bus von rechts, Waldstadtbus Nr. 30, Anna hat mir gestern erzählt, dass sie bis jetzt nur einmal mit dem Bus gefahren ist, seit sie hier wohnt, ich bin wohl auch noch nie gefahren, wer fährt hier schon Bus, nur Studenten, die in den Wohnheimen in der Waldstadt wohnen, Philipp wohnt da, sein Rad wurde auch schon geklaut, war das vorhin Mehmet? Wahrscheinlich nicht, er war ja kurz davor noch am Durlacher Tor, aber warum hat er sich da die Fahrräder angesehen? Der Bus hält an der Haltestelle, es steigen tatsächlich welche ein, es gibt wohl doch Menschen, die mit dem Bus fahren, na ja, die Straßenbahn fährt auch nicht überall hin, hierher nicht, fahr ich über die Brücke oder unten rum? Über die Brücke, das ist die einzige Steigung der ganzen Strecke, mit schönem Ausblick auf den Verkehr auf dem Adenauerring, Adenauerring, in der Adenauerzeit hatten auch die deutschen Frauen noch Kopftücher auf, vielleicht muss man einfach noch mal 50 Jahre warten, dann wird das schon, dann sind die Frauen nackt und nur mit einem Feigenblatt bekleidet und die Moslemischen tragen bauchfrei, in 50 Jahren bin ich wohl Rentner, und nicht mehr daran interessiert, vielleicht aber immer noch modisch gekleidet mit einem Ahornblatt oder einer Eichel im Haar oder auf der Glatze, hinterm Ohr, vielleicht trag aber ich dann ein Kopftuch, aus religiösen Gründen, vielleicht bin ich dann bekehrt und umgewandelt, oder trag es gegen die UV-Strahlung. Das Runterrollenlassen ist das schönste, Wind, ja, Wind, komm und kühle mich, wie lange wart ich schon auf dich? Vielen Dank, Achtung Kinderwagen mit Frau, Achtung Bodenwelle, Wurzelwelle, Achtung Studentengruppe, hier werden sie häufig, hier treten sie gehäuft auf, in Gruppen, in Rudeln, Klingeling, klingeling, vorne fährt ne Frau auf einem Rad, so muss man das machen, so nur sieht das richtig aus, elegant und parallel die Beine, geschmeidig die Bewegung, ein kleines bisschen zu langsam, aber sehr erotisch, ich muss sie überholen, das tut mir fast schon leid, gerne hätte ich sie noch länger betrachtet, sie war ganz schön von hinten, doch von vorn, was muss ich sehen, ganz schön dick geschminkt, da fahr ich lieber weiter und seh mich nicht mehr um, die chinesischen Pavillons kommen mir entgegen. Grün ist die Farbe des Islam, gehört das Kopftuch zum Islam? Was ich auch nicht mag ist der Alleinvertretungsanspruch dieser Religion, so was ist unsympathisch, Mehmet gibt das wohl gerade Sicherheit‚ manche brauchen so was wohl, mit Selbstsicherheit fällt es leichter, cool zu sein, Anna sagt, Coolsein und andere Äußerlichkeiten seien ihm besonders wichtig, und wenn Christine sich dann unwichtig und klein fühlt, dann bestätigt er sie wohl auch noch darin, verdammt ist das heute heiß, das wird sicher auch nicht durch ein Gewitter kühler, da steigt nur die Luftfeuchtigkeit, und in der Sonne gibt’s heute sicher reihenweise Sonnenstiche, ein Trupp Mütter mit Kinderwagen. Mit Neugeborenen?
Die Kinderwagen da vorne kann ich wohl auch nicht überholen, dann fahr ich lieber auf der linken Seite, da ist auch noch Schatten, wundervoll, schauen die so böse, weil ich auf der falschen Seite fahre? Sie werden es wohl verkraften, schon wieder ein X-Beinchen-Mädchen, manchmal denk ich, man sollte es ihnen einfach sagen, es wär ja kein großer Aufwand und kein großer Aufwand für sie, die Beine ein bisschen breit zu machen, ha, breit machen, es muss was mit Verklemmtheit zu tun haben, sag ich doch, wahrscheinlich sind das Reste aus der Pubertät, sie werden sich ihres Körpers bewusst und fahren so gern Rad, Radfahren macht soo Spaß, aber lieber klaut man mir das Fahrrad als die Unschuld oder so. Ein kleiner Schritt für sie, ein großer Schritt für die Menschheit, eine Frau mit Kopftuch hab ich noch nie auf dem Fahrrad gesehen, vielleicht darf man das nicht als Muslimin, Muslima, Müsli mag ich, in Asien essen sie keine Milchprodukte, die Araber kein Schweinefleisch, Schweine haben keine Daumen zum Klingeln, vielleicht gibt’s ja Spezialanfertigungen für muslimische Frauen. Mit Damensattel, beide Beine auf dem rechten Treter, und beim Schwimmen schwimmen sie nur Delphin im schwarzen Ganzkörpertauchanzug, Frauen sind unrein, besonders in den schlimmen Tagen, durch die Frau kam die Sünde in die Welt, bedecke dein Haupt und schäme dich, ja, ich hab gut lachen, wenn ich selber eine wär, wenn ich so geboren wär, dann würd ich wohl auch nichts dran ändern, ducken und schlucken, schließlich mach ich auch sonst nichts gegen Dinge die mich stören. Der Typ, der den Springbrunnen putzt‚ könnte mich mal abspritzen, ich brauch ne Abkühlung, der steht mit nacktem Oberkörper da und spritzt den Dreck aus den Ritzen, warum hab ich eigentlich eine lange Hose an, oh, ich hab ja die Knöpfe noch offen, vielleicht haben die vorhin deshalb so böse gekuckt, sieht mich jemand? Nur ein Bankangestellter in rosa Hemd, grauen Hosen und einem neongelben Rad, das passt aber nicht so, vielleicht hat er’s ja geklaut, es ist schwer mit einer Hand die Knöpfe zuzumachen, ich fahr hier links, nicht durch den Schlosspark, links vorbei, was ist denn das, schwarz gelb, eine Abdeckung für über die Straße führende Kabel, sind aber keine drunter, da komm ich noch rechts dran vorbei, Steißbeinschaden vermieden. Diese rosa Platten vorm Schloss sind schön, das wirkt ein bisschen alt, ist das Altrosa? In altrosa gibt’s sicher schöne Schleier und Kopftücher, oder afghanische Gesamtabdeckungen mit Gitter vorm Gesicht, Ganzkörperzelte, nein, die sind doch immer schwarz oder dunkelblau, wahrscheinlich damit es noch wärmer wird darunter, würde Mehmet seine Christine gern in so einem Ding sehen? Oh, noch mal so eine Abdeckung, schwarz gelb, diesmal sind Kabel drunter, da muss ich drüber, da muss ich bremsen, da muss ich fast schon anhalten, mein Sattel ist nicht so gut gepolstert, ein kleines Kind mit Roller fährt auch gerade drüber, schwarz gelber Roller, vielleicht gehört er ja zur Kabelabdeckung dazu, die Mutter zu Fuß und blondgelockt, das Kind blondgelockt, von der Sonne verwöhnt, von der Sonne in den Schlosspark gelockt, ich fahr mittendurch, bin bald da, wie lange hat sie jetzt wohl gewartet, wie spät ist es? Der Springbrunnen ist gar nicht an, die Bänke sind voll mit Bauchfreien, diese Hosen mag ich auch nicht, Frauen mit diesen tiefsitzenden Hosen haben oft hinten über dem Arsch zwei Fettpolsterausstülpungen, wie zwei neue Körperteile, hoffentlich will Anna nicht so was tragen. Ich muss sie fragen, was mit Christine und Mehmet los ist, was Mehmet getan hat, warum sie jetzt so schnell zu ihr muss, vielleicht weiß sie was über das Fahrradklauen, was macht denn der eigentlich sonst? Achtung Kleinkind, bitte nicht umfahren, bitte stehen bleiben, Kinder bitte an die Leine nehmen, rechts hoch, links, vorbei am heißt er Leopold? Runter vom Schotter, irgendwann fahr ich hier über die Rollstuhlauffahrt der Landesbank, polierter Granit oder Gneis oder so, seh ich sie schon? Ist sie das, nein, oh, von rechts ein Auto, lässt mich über den Zirkel, Anna, wo bist du? Da sitzt sie, hat mich auch schon gesehen, hat wohl wirklich schon gewartet, ich wär ja auch schon hier, wenn ich nicht das Fahrrad, warum setzt sie sich denn bei dieser Hitze in die Sonne, hat jetzt schon einen roten Kopf, Hallo Anna, tut mir leid, ging wirklich nicht schneller, Hallo, gibt mir einen Kuss, nimmt gleich das Fahrrad, ist spät dran, ob ich auf ihre Sachen aufpassen kann, geht nicht lang, Geht’s dir gut? Hat jetzt schon Kopfschmerzen, Was ist denn mit Christine? Die muss mal wieder ein bisschen getröstet werden, ich erzähl dir später alles, ok, mach’s gut, du auch, steigt auf, sieht sich um, sieht mich noch mal an, fährt los, über die Schienen, Ciao Anna, Was mach ich jetzt?
Einen Platz im Schatten such ich mir, sonst bin ich tot bis sie wieder kommt, ihre Sachen mitnehmen, die hat wieder ihr ganzes Büro dabei, zwei Taschen, zwei Planrollen, was ist denn in dieser Tasche, Backsteine? Wahrscheinlich, sie will doch Häuserbauen, vielleicht braucht sie die aber für den bösen Wolf, der die Oma gefressen hat, wenn an meinem Fahrrad jetzt der rote Korb wäre, dann könnt ich sie Rotkörbchen nennen, da fährt sie hin, wohl nicht zu ihrer Oma aber vielleicht zur Rettung vor dem bösen Wolf Mehmet.
Was werde ich jetzt hier trinken, Kaffee ist jetzt wohl zu warm, lieber etwas Kaltes, Cola nicht, Eiskaffee 3 Euro 50 nein, das ist mir jetzt zu teuer, gelber Engel, Orangensaft mit Vanilleeis, hört sich gut an, gelber Engel, die gelben Engel auf der Autobahn, mein Auto hatte noch keine Schäden auf der Autobahn, die Zündkabel sind von Mardern zerbissen, da muss ich wohl mal neue kaufen, jetzt kauf ich mir zuerst einen gelben Engel, ich bestelle einen, wenn hier eine Bedienung kommt, eine gelbe kommt, Kuten Tack, Hallo, sag ich, einen gelben Engel bitte, Einen gelben Engel, ja, und weg, meine Fingernägel müsste ich mal wieder schneiden, der Mann sieht aus, wie eine Karotte mit Ohren, ohne Kraut im Wirbel, er trinkt einen Eiskaffee, ein guter Platz hier, tausend Menschen auf dem Marktplatz Straßenbahnen von allen Seiten, Blumenverkauf neben der Pyramide Café Bökeler auf der anderen Seite, links die Volksbank und der Durchgang zum Schloss, da stehen auch 100 Fahrräder, ich muss mal Mehmet anrufen und ihm diesen Tipp geben, vielleicht beteiligt er mich auch daran, dann trink ich das nächste Mal einen Eiskaffee‚ oh, mein gelber Engel kommt, ist ja viel größer als ich gedacht habe, ein richtiger Erzengel, ein ganzer Krug voll Orangensaft und bestimmt 4 Kugeln Eis, danke schön, danke schön, Bedienungsengel, oh ja, das ist genau richtig, das ist schön kühl, genau richtig bei diesem Wetter, aber das ist Zitroneneis, nicht Vanilleeis oder schmeckt das nur so, wegen dem Orangensaft? Könnte auch Vanilleeis sein, aber eigentlich eher Zitroneneis, vielleicht ist das sogar besser bei der Hitze. Die Eiskugeln mit dem Strohhalm durchbohren, es sind doch nur drei, es ist Zitroneneis, das nächste Mal werde ich sagen, dass ich Vanilleeis will, die haben das sicher nur gut gemeint, die meinen wohl, das passt besser, lieber Fruchteis als Milcheis, vielleicht kommt der Eismacher auch aus China, Asiaten mögen keine Milchprodukte, Schweinefleischeis gibt’s nicht, so sitz ich jetzt hier ganz alleine vor meinem gelben Engel, Menschen von allen Seiten, hinter mir vor mir über mir gilt es nicht, ich komme, Hosen mit Fettpolstern, Kopftücher in Birkenstock und Jeansrock, Ganzkörperschleier in hellgrau, dicke Frau mit Hut, Bürosekretärin mit Hallhuberpapiertasche und braunen Knien, Schülerinnentrupp mit Schultaschen, Kindergartengruppe in Zweierreihe mit Schäferhunderzieherin, die Fünf kommt von Süden, grüßt mich nicht, dabei fahr ich jeden Tag mit ihr, Wagen 213, an der Pyramide zwei Punks, warm und heiß ist’s hier, und hell, ein Informatikstudent schiebt sein Fahrrad vorbei, lobenswert, Besucherfamilie vom Land, und wenn es nicht wirklich so ist, dann ist es nicht wirklich so und wenn ich nichts sagen will, dann lasse ich das einfach mal bleiben, was soll’s auch, es ist nicht so heiß, wie es aussieht, Frauen sind nackt schöner als angezogen, Menschen vom Land stinken nach Mist und Kot und Kühen und Kleinkaliber und Karlsruhe liegt eigentlich auf dem Land, denn rundherum um Karlsruhe, nicht um Ulm, liegt nur Land und wenn man mit der Bahn ein paar Kilometer egal in welche Richtung fährt, dann liegt man im Grünen Bereich und dort ist es wirklich grün und Seen gibt es auch und wenn es so heiß ist wie heute, was es ist, weil heute heute ist, wenn es so heiß ist, dann sollte man sich auf den Weg machen mit der Bahn aufs Land und dort das Fahrrad mitnehmen und dann zum See fahren und am besten noch Spargel essen, den gibt’s dort vielleicht noch oder vielleicht auch nur ein Eis und einen gelben Engel im Gepäck, ich habe mich ein bisschen in den gelben Engel verliebt, aber vielleicht auch mehr in die Vorstellung, dass er mit Vanilleeis noch besser schmecken würde, das würde er sicher, das sieht man ihm an und wenn der gelbe Flieder wieder blüht, nur Rentner im Café Bökeler, schlimm, schlimm, aber die haben auch sonst nichts zu tun, was sollen sie auch machen, Fernsehschauen kann man ja auch nicht den ganzen Tag, dann lieber mit heruntergezogenen Mundwinkeln im Café sitzen und sich über irgendwas beschweren, heute sicher übers Wetter, und das noch mit Gesten unterstützen wie die eine dicke Frau da drüben, bewegt sich viel beim Sprechen, für ihr Gewicht, das muss gehalten werden, deshalb noch mal ein Kuchen, und ich trinke meinen gelben Engel und entführt mich mit jedem Schluck in den Himmel über mir und die Moral in mir und die Schweine unter mir, und überhaupt, was soll ich tun? Was kann ich wissen, nichts kann ich wissen, aber was macht denn der da schon wieder?
Der kann doch jetzt nicht schon hier sein, oder doch, das kann schon sein, aber was macht er da, er ist mir doch nicht gefolgt, das glaube ich nicht, dann würde er sich ja jetzt auch nach mir umsehen, was er nicht macht, nein, schon wieder sieht er sich nur die Fahrräder an, kann denn das sein, warum macht er das, will er die wirklich klauen, zutrauen würde ich es ihm ja, und wenn dann sein Kollege mit dem Transporter kommt, dann laden sie wohl einfach alle ein, bei dem sie das Schloss am unauffälligsten aufbekommen oder so, das traue ich ihm zu, ja, absolut, und jetzt geht er auch noch zu einem Fahrrad hin und macht am Schloss rum, was macht er da, will er es aufbrechen, unglaublich, aber das kann man doch nicht machen, das ist nicht nur moralisch fragwürdig, das ist unter aller Sau und aus Spaß dachte ich noch, dass ich ihm mal raten sollte, die Fahrräder hier zu klauen, weil es hier so viele davon gibt. Sieht das denn sonst niemand? Ein paar Urlauber gehen vorbei und erfreuen sich an der Pyramide, für Mehmet haben sie keine Augen, die haben sicher auch kein Fahrrad dabei und denken nicht an so was, da kommt eine Frau aus der Bank, die interessiert sich auch nicht für ihn, er hat das Schloss wohl nicht aufbekommen, oder hat er es auf gemacht und geht jetzt zum nächsten und bereitet das vor? Sieht so aus, auch da macht er dran rum, der will wohl nur bestimmte Fahrräder klauen, vielleicht sind das Auftragsdiebstähle, also wirklich, da muss ich doch was tun, ich kann den doch nicht einfach die Fahrräder klauen lassen, das geht doch nicht, und so einer ist mit der Freundin meiner Freundin zusammen, das geht nicht, das muss ein Ende haben, ich muss zu ihm hin, ich muss ihn zur Polizei bringen, ich muss irgendwas tun, ich kann doch nicht einfach hier sitzen bleiben und zusehen, wie er Fahrräder klaut, ich muss die Polizei holen, ich muss, und außerdem, so was Verkommenes, ich muss ihm auch sagen, dass er und Christine und überhaupt, seine ganze Muslimscheiße, erst so religiös tun und dann klauen, auch bei denen steht doch du sollst nicht stehlen in den zehn Geboten, aber klar, die legen sich alles so aus, wie es ihnen am besten vorkommt, so dass auch Bombenanschläge irgendwie gut sind, und die muss man ja machen, um in den Himmel zu kommen und Fahrräder muss man wohl auch klauen, aber nicht um selbst darauf zu fahren, nein, womöglich wird das nur zu Geld gemacht, und damit tut er wieder dick vor Christine, und hängt den großen Macker raus, und eigentlich ist sie selbst auch blöd, wenn sie darauf reinfällt, aber was mach ich jetzt, geh ich zu ihm hin oder was, wenn er jetzt einfach geht, oder womöglich holt er seine Kollegen mit dem Transporter, dann stehe ich blöd da, so ganz alleine, ich muss da hin, die Bedienung, nein, das mache ich später, ich lasse einfach alles da, und geh rüber, ich muss das jetzt, denn so geht das nicht, ok, aufstehen, er hat sich wieder über ein Fahrrad gebeugt, er knackt wohl gerade das Schloss, so erwische ich ihn noch in flagranti, hee, er hört mich nicht, er sieht mich auch nicht, er hat das Schloss offen, er will wohl das Fahrrad gleich mitnehmen, und klauen, hee! Mehmet! Jetzt sieht er mich, den schubs ich gleich mal ein Stück zurück zwischen die Fahrräder, so jetzt kuckt er blöd, ha, jetzt so tun, als wäre nichts geschehen, so, Mehmet, habe ich dich also erwischt, da klaust du Fahrräder, das hätte ich nie gedacht, dass du Fahrräder klaust, dass du das nötig hast, und deine Freundin sitzt daheim und heult, wahrscheinlich hast du die davor noch geschlagen oder was, wahrscheinlich, oder, ja, genau, was ist los? Jetzt so tun, als wäre nichts passiert, als wäre das womöglich dein eigenes Rad, das du da hast, aber warte nur, wenn der Besitzer oder die Polizei kommt, dann wirst du schon sehen, dann war’s das mit dem Klauen, dein letztes geklautes Rad, und mit Christine war’s das dann wohl auch, darauf kannst du Gift nehmen, die will doch mit einem Dieb nichts zu tun haben, nein, bleib da drin, deine Rechtfertigungen helfen dir auch nichts, verdammt, jetzt wird der auch noch aggressiv, he, bleib da drin zwischen den Fahrrädern, du kommst mir nicht so einfach davon, wer’s glaubt, wird selig, dein Fahrrad, seit wann hast du denn so ein Fahrrad, du hast doch gar kein Fahrrad und nein, mit mir ist hier gar nichts los, du bist der Dieb, und ich muss wohl lauter schreien, damit noch mehr Menschen herschauen, das gefällt dir wohl nicht, was? Das gefällt dir wohl nicht, aber jetzt ist es vorbei mit dem Fahrradklauen, und mit Christine wohl auch, so wirst du sie nicht mehr dazu zwingen ein Kopftuch zu tragen, das war’s jetzt, wenn hier einer spinnt, dann bist du das, bleib hier, abhauen ist nicht, he, bleib da drin, die Leute sollen ruhig mitbekommen, dass hier ein Dieb unterwegs ist, dass hier ein Dieb klaut, ein Dieb Fahrräder klaut, bleib, au, nicht, he, nein, lass mich, nein, komm mir bloß nicht zu nah, er stößt mich, ich kann mich nicht, bleib stehen, verdammt, was ist das da hinter mir, er stößt mich, rückwärts und hinter mir, ein Blumenbottich, ich falle, über den oh, Achtung, der Boden kommt näher.
Und ich knalle mit dem Kopf auf das Pflaster, Sterne und Schwärze, und dann wieder blauer Himmel und zwei Wolken, ein Vogel fliegt quer über den Himmel, da liege ich, und Mehmet fährt davon, mit dem geklauten Rad, he, er fährt davon, zeigt mir noch den Vogel, das passt zu ihm, fährt einfach davon, jetzt kann ich ihn auch noch wegen Körperverletzung anzeigen, au, mein Kopf, der hat verspielt, auch wenn er jetzt weg ist, der kann sich auf was gefasst machen, das wird er schon noch sehen. Ich setze mich auf, sonst niemand, der sich für mich interessiert? Au, mein Kopf, aber es ist trocken, kein Blut, wahrscheinlich nur eine Beule, au, was mach ich jetzt, hier sind so kleine rote Tierchen auf den Pflastersteinen, rote Punkte, die sich bewegen, die habe ich schon lange nicht mehr gesehen, au, ich setz mich mal auf den Rand des Bottichs, Mehmet nicht mehr zu sehen, mein Kopf tut weh, sonst ist alles noch ganz, aber eigentlich muss ich ja noch froh sein, da hätte ja auch noch viel mehr passieren können, bei Verbrechern weiß man nie, ich bin ja auch verrückt, dass ich ihn hier so alleine aufhalten will, wie habe ich mir denn das vorgestellt, das geht ja nicht, was hätte ich denn getan, wenn seine Kollegen noch gekommen wären, wahrscheinlich hätten die mich mitgenommen, oder noch was Schlimmeres, ja, genau, ich gefesselt auf der Ladefläche des Transporters und sie bringen mich irgendwo hin, ich weiß nicht wo und na ja, so was machen die doch nicht wegen geklauten Fahrrädern, was ist denn das für Grünzeugs in dem Bottich? Keine Ahnung. Verbrecher. Fahrraddiebe. Aber wer weiß, was die mit mir gemacht hätten? Professionelle sind das. So genau, wie Mehmet sich die Räder angeschaut hat, hat er sicher nur nach bestimmten Rädern Ausschau gehalten, und die werden dann teuer verkauft, eine Beule gibt das und weh tut es auch, alles noch klar im Kopf? Ich geh zurück zu meinem gelben Engel, den brauch ich jetzt, und hinsetzen muss ich mich auch, oh, mir ist ganz schummrig, der Marktplatz wackelt, die Rentner schaukeln hoch und nieder, aufgepasst, dass der Kaffee nicht verschütt geht, hier steht mein Engel, Engel, mein Engel, der Stuhl, ja, hinsetzen ist gut, und dann den Engel, das Eis hat sich aufgelöst, diffundiert in einen homogenen Engelssaft, aber kalt ist es noch, vielleicht sollte ich meine Beule kühlen, oder was macht man denn mit Beulen, der Engel des Vergessens, nein, vergessen werde ich das nicht, was mach ich jetzt, was mach ich jetzt, dumm rumsitzen und ah, ich weiß, ich warte auf Anna und wenn sie kommt, dann erzähle ich ihr erst mal alles und dann gehen wir zusammen vielleicht gleich zur Polizei, die ist ja auch da drüben am Eck, da war ich schon mal drin, da hatte ich einen Geldbeutel gefunden, der lag hier auf dem Marktplatz rum, den habe ich dort abgegeben, aber es war enttäuschend, das Gebäude sieht von außen viel beeindruckender aus, innen ist es eng und langweilig, Anna wollte ja auch bald wieder kommen, nehme ich mir noch einen gelben Engel, oder sonst was, nein, der Tisch wackelt leicht, saugen am Strohhalm, das tut gut, das kühlt den Kopf von innen, gleich bin ich mit meinem Engel am Boden, dann wird es lauter mit dem Strohhalm. Gut, da ist ja auch ein Löffel dabei, den Schaum kriegt man saugend kaum raus, wahrscheinlich würde das mehr Aufmerksamkeit erregen als unser Kampf vor zwei Minuten, warum hat das eigentlich niemand mitbekommen, oder wenn es jemand mitbekommen hat, warum interessiert sich niemand dafür, es hat mir nicht mal jemand aufgeholfen, ja, die heutige Zeit, jeder lebt in seiner eigenen Blase und wenn wir dann Rentner sind, dann braucht jeder seine eigene Parkbank und jeder sein eigenes Café, und niemand stört uns beim Motzen über die Welt, alles ist schlecht und wird immer schlimmer und früher war alles schöner, da war’s nicht so heiß, früher wurden noch keine Fahrräder geklaut, aber ich kann dann mal sagen, ich war damals ja noch einer, der sich gewehrt hat, der aufgestanden ist, und den Dieb am Schlafittchen gepackt hat, oh, die sieht gut aus, kenn ich die, studiert die nicht auch Deutsch oder so, sieht gut aus, mal lächeln, vielleicht lächelt sie zurück, ja, Brüste und Beine, es ist doch schön, wenn es so heiß ist, ist alles viel mehr ausgepackt, wenn man nicht gerade gezwungen wird, ein Kopftuch zu tragen, schöne Frau geht hier vorbei wie eine halbnackte Litfasssäule, Litfasssäule, sie ist schön, ansonsten keine Litfasssäule zu sehen, aber die Kneipe da drüben heißt auch Litfaß, wenn ich Hunger hätte, dann könnte ich dort essen, Käsespätzle mit einem kleinen Salat, die Fünf fährt schon wieder vorbei, die Zeit vergeht schnell, wann kommt denn Anna wieder, wie lange wollte sie weg sein, hatte sie das überhaupt gesagt, weiß ich nicht mehr, die Sonne brennt mir auf die Beule, das ist der Weg zum Sonnenstich, ich müsste dem Schatten folgen, aber schön ist es hier, und müde werde ich auch, Käsespätzle, Frank hat erzählt, seine Käsespätzle waren außen verbrannt und innen noch kalt, das fand er nicht gut, aber Frank verliert auch sein Fahrrad, der hat doch keine Ahnung, und jetzt zu etwas völlig anderem: Wollen ßie noch etwas? Die Bedienung scheint aus Russland zu kommen, ihr Akzent ist ein bisschen eckig, mit hohen Augenbrauen steht sie hier am Tisch hinter meinem leeren Engelglas, nein, danke, ich will nichts mehr, bezahlen dann, bitte, da geht sie wieder davon, ohne dass ich bezahlt hätte, die Rechnung liegt wohl drin, aber die zwo fuffzich, die hätte sie auch so mitnehmen können, mein Geld, die Münzen in der linken Hosentasche, nein, rechts, und da sind auch zwei fünfzig, aber Trinkgeld, da bräuchte ich noch was, schließlich gehört das zu unserer Kultur, ja, noch mal fünfzig Cent, so sieht’s aus, wieder Geld weg, aber was soll’s, ich hab’s ja nicht geklaut, wie geht’s denn meiner Beule? Oh, die spürt man schon und weh tut’s auch, aber mir geht’s gut, heute eine gute Tat und morgen eine gute Tat und die Wahrscheinlichkeit, dass ich in den Himmel komme, ist größer als wenn ich ein Kopftuch trüge und wenn es mich nicht trüge, dann blübe ich hier sützen und würde im schwützen die Wölt verändern, Anna komm jötzt bald, ich hab dir was zu erzöhlen und du würst es nicht glauben, aber ich sage dür, ich aber sage dür, selig sind die, die arm sind im Geiste, aber ich sag’s ja, das Christentum ist auch nicht besser, vielleicht hat Mehmet auch von Christine verlangt, dass sie den Namen ändert, weil sie Christ im Namen hat, im Namen Christ, Jesus und der heilige Geist, und Herr im Himmel, Cherr im Chimmel, da kommt die Bedienung mit einem Zettel in der Chand, ihr Lippenstift sieht auch russisch aus, einen Tick zu pink, legt mir den Bon hin, sagt, zwei fünfzick und ich gebe ihr das in der Hand gewärmte Geld, stimmt so, ein Blick und ein Schütteln der Handfläche zum Nachzählen, Danke, Tschüss, und nimmt mir meine Engelsschale mit, jetzt fehlt nur noch Anna, ist sie das?

Nein, das kann nicht sein, die hat doch das Fahrrad, aber doch, das ist sie, warum geht sie denn zu Fuß? Ich winke ihr, stehe auf, nehme die Backsteintaschen und die zwei Rollen mit den Plänen und gehe ihr entgegen, hab ich nichts vergessen? Nein, sieht gut aus, unter dem Tisch und unter dem Stuhl, ist nichts zu sehen, wo ist sie denn? Ah, schon da, da drängt sich noch eine S1 nach Hochstetten zwischen mich und meine Freundin, sie ist größer und ich lasse sie wohl durch, sie quietscht laut in der Kurve, der große Bruder der Fünf, innen grüne Sitze, die hat wahrscheinlich auch eine Klimaanlage, oh, wär das jetzt schön, aber wahrscheinlich hilft die hier in der Stadt nicht viel, dauernd muss sie die Türen öffnen, da bleibt keine Kälte drin, wo ist jetzt Anna? Hinter der Pyramide, neben der Pyramide, soll ich ihr noch Blumen kaufen, das reicht nicht mehr, da ist sie schon, über die Schienen, über die Granitplatten, Hallo, ja, nein, geht schon mit den Taschen, vielleicht die Rollen, ja, ich muss dir unbedingt was erzählen, was ich gerade erlebt habe, was gerade passiert ist, ja, aber warum hast du denn das Fahrrad nicht mehr? Christine wollte es ausleihen, warum das denn? Sie arbeitet heute Abend und geht nicht gern nachts durch die Stadt zu Fuß, ihr eigenes ist weg, deshalb ging’s ihr auch nicht so gut, sie hängt doch an dem Fahrrad, ja, du warst nur deshalb kurz bei ihr und bist jetzt zu Fuß zurück und ja, ich liebe dich auch, das ist schön, wenn sie mich so ansieht, ihre blauen Augen, ihre Nase ist ein bisschen groß, aber das ist schön so, eine Augenbraue leicht verstrubbelt, das kämme ich kurz noch in die richtige Richtung, mein Daumen über ihrem Auge, sie lächelt, ha, ich wollte dir auch noch was erzählen, übrigens, ja, nein, das geht schon mit den Taschen, ah, schau mal da drüben, da fährt ein Lieferwagen, aber das ist jetzt zu spät, der Verbrecher ist schon weg, ja, gleich, was sollen wir machen, kommst du mit zu mir, deine Bücher sind noch bei mir, wir könnten uns auch noch ne halbe Stunde in den Schlosspark legen, hast du Zeit, schön, dann gehen wir doch da hin, der Lieferwagen, sieh ihn dir an, der wird in der Geschichte auch noch eine Rolle spielen, ja, ach so, nein, wir sollten vielleicht noch kurz hier bleiben und vielleicht gehen wir dann auch noch zur Polizei, bleiben wir hier an der Pyramide, aber zuerst erzähle ich dir, um was es geht, also, als ich vorhin noch mal zurück zur Wohnung bin, da habe ich bei den Fahrrädern am Durlacher Tor jemanden gesehen, der mir sowieso schon länger verdächtig vorkam, wir können uns gleich setzen, lass mich erst mal kurz erzählen, was gerade passiert ist, ok, setzen wir uns auf die Bank, ja, das ist eine Beule, dazu komm ich gleich, es geht schon, ein bisschen schummrig ist mir schon noch, also, das Telefon klingelt, Annas Telefon, wo ist das denn? Hier in dieser Tasche, vorne drin, Anna nimmt es raus, klappt es auf, sieht mich kurz an.
Christine ruft an, ja, geh mal ran, klar, Anna nimmt den Anruf entgegen, schön, dass sie jetzt da ist, ich kann ihr alles erzählen, dann wird sie selbst auch einsehen, dass man wirklich dafür sorgen muss, dass dieser Mehmet wegkommt, auch wenn er wahrscheinlich nicht ins Gefängnis kommt, wegen Fahrraddiebstahl glaube ich nicht, aber er muss weg von Christine, das ist wichtig, Anna sieht heute wirklich gut aus, gottseidank hat sie keine X-Beine, sie hat wirklich schöne Beine, Beine nicht nur zum Fahrradfahren, masch uadne nogi, das ist polnisch und heißt, du hast schöne Beine, Anna hat schöne Beine, Anna telefoniert mit Christine, vielleicht sollten wir gleich zu Christine und es ihr erzählen, und vielleicht zuerst mal gar nicht der Polizei, was soll ich der auch sagen, da steht doch Aussage gegen Aussage, das wird gar nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe, hm, darüber muss ich noch mal nachdenken, vielleicht müsste man ihm auch noch eine Falle stellen, ich hätte ihn festhalten sollen, hat er eigentlich das Fahrrad dann mitgenommen? Habe ich gar nicht mehr beachtet. Doch hat er, ich habe ihn ja wegfahren sehen. Glaube ich. Anna lächelt, das ist schön, Christine hat ihr wohl irgendwas erzählt, was sie freut, ich sehe sie an, sie sagt, sie hat ihr Fahrrad wieder, und zeigt auf das Telefon, das ist aber schön, dann kann ich ja jetzt meines auch wieder haben, vielleicht gehen wir dann gleich bei Christine vorbei, mein Hausfrauenrad, nein, es ist kein Hausfrauenrad, nur mit dem roten Korb, und dann die Geschichte mit Mehmet, besonders sie muss das wissen, ja, na ja, Mehmet hat dann wohl Christines Rad nicht geklaut, oder er hat ein schlechtes Gewissen bekommen und es wieder zurück gegeben, wahrscheinlich heimlich und so, dass es so aussieht, als wäre es nie weg gewesen, ja, Moment, was erzählt sie da von Mehmet? Weiß sie es vielleicht schon? Was hat er getan? Anna, was hat Mehmet getan? Das muss sie mir jetzt erzählen, weiß Christine schon davon? Vielleicht war sie auch deshalb schlecht drauf und dann kam das mit dem Fahrrad noch dazu, Anna, was hat Mehmet getan? Anna sieht mich an, es kann nichts Schlimmes sein, sie lächelt dabei, erzähl ich dir gleich, Christine fragt gerade, ob wir heute Abend mit zum Grillen am Rhein gehen. Beim Rheinstrandbad. Das wär doch schön, oder? Ok, warum nicht, davor muss ich aber noch duschen, der Tag war ein bisschen schweißtreibend, Ja, Christine, wir gehen mit. Wann sollen wir uns treffen? 8 ist gut. Bis später. Anna steckt das Telefon in ihre Tasche, die steht vor ihren Beinen auf dem Boden, auch ihr Rücken ist wirklich schön, Anna, was hat Mehmet getan? Moment, warum willst du das denn so dringend wissen? Nur so, erzähl mal, dann erzähl ich dir auch gleich was dazu. Ok, Mehmet hat den ganzen Tag damit verbracht, Christines Fahrrad zu suchen, die hatte es nämlich in ihrer Verplantheit irgendwo abgestellt und konnte sich nicht mehr daran erinnern, sie war selbst schon den ganzen Morgen unterwegs, konnte es aber nicht finden, und Mehmet hat es gefunden und es gerade zu ihr gebracht, das ist schön, nicht wahr? Sie ist übrigens noch daheim, wir können bei ihr vorbei und dein Fahrrad abholen, wenn du willst, das braucht sie ja jetzt nicht mehr, sollen wir bei ihr vorbeigehen? Ja, nein, weiß nicht, ich bin mir nicht sicher, Mehmet hat den ganzen Tag gesucht? Ja, ist das nicht süß von ihm? Ja, doch, keine Ahnung. Was ist denn los mit dir? Nichts, alles ok. Sicher? Du siehst so bleich aus, was wolltest du mir denn erzählen? Ach das, das ist nicht so wichtig, erzähl ich dir ein andermal. Anna sieht mich seltsam an, ich weiß jetzt auch nicht, ich möchte heim, ich werde jetzt, keine Ahnung, das kann doch nicht sein, ich bin mir doch sicher, dass er die Fahrräder klauen wollte und außerdem waren da ja auch noch seine Komplizen im Lieferwagen, die gehören doch auch dazu, und außerdem habe ich ihn doch erwischt, wie er die Schlösser geknackt hat, und zu Boden geschlagen hat er mich auch noch, oh, das passt jetzt alles nicht mehr, ich muss mal darüber nachdenken, wie es dann doch noch, aber die Kopftücher und überhaupt hat doch alles dafür gesprochen, oh, der wird wahrscheinlich heute Abend dann auch am Rhein sein, da kann ich nicht hin, das geht nicht, ich kann nicht, nein, das geht nicht, ich werde, ich muss nach Hause, ja, Anna, ich kann jetzt nicht, weil ich, ich muss jetzt gleich nach Hause, mir ist noch was eingefallen, was ich dringend heute noch machen muss, das muss ich morgen abgeben, ich kann auch später nicht mit zum Grillen, mein Fahrrad hole ich ein andermal, das ist mir gerade eingefallen, ich muss das machen, du weißt schon, fürs Studium, nein, du kannst mir nicht helfen, ich schaff das schon noch, ja, auch meine Beule wird nicht stören, das geht schon, du kannst ja mein Fahrrad holen, wenn du willst, nein, komm heute Abend lieber nicht vorbei, ach, die Bücher, das reicht doch auch noch morgen, oder? Dann bringe ich sie weg, das geht schon, ich weiß nicht, wie lange ich heute Nacht dran bin, das kann länger dauern, ja, ich geh dann gleich mal, sag allen einen schönen Gruß und viel Spaß, ja, kurz in den Arm nehmen, noch ein Kuss, soll ich die Tasche mitnehmen?

Und dann geh ich, schnell weg, da kommt auch gerade noch die Fünf, wenn ich renne, dann kann ich noch einsteigen, schnell weg, über die Schienen, von links kommt nichts, die hintere Tür, das müsste noch reichen, schnell weg, einfach weg, den Knopf noch mal drücken, damit die Tür nicht zugeht, solange ich den Wagen ersteige, hoch und dann setze ich mich irgendwo hin, oh, ist das ein Scheißtag, hier, nach links, da ist das Fenster offen, das bläst mir vielleicht den Kopf noch durch, was mache ich denn jetzt? Da kann ich doch gar nicht dafür, das liegt doch nicht an mir, der hätte ja auch was sagen können, die Fünf nimmt mich heim, ich will nicht mehr darüber nachdenken, keine Kopftücher hier drin, das ist gut, aller guten Dinge sind fünf, oder neun, völlig egal, noch mal zu Anna umsehen, da steht sich noch an der Pyramide und sieht mich an. Ich winke ihr zu, jetzt breche ich mir den Hals, wenn ich mich weiter nach ihr umsehe, ich will sie auch nicht mehr sehen, ich will keinen mehr sehen, was soll denn das, Mehmet ist ein Arsch, Fünf, bring mich heim, schnell, meine Fingernägel müsste ich mal wieder schneiden.

Epilog

Da fing er an zu laufen, stürzte in die Stube hinein. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er im Walde gewesen war.
Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große Pelzkappe daraus machen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ein Gedanke zu „Hänsel“

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